„Theater hat der Gesellschaft etwas zu geben“ – Carl Philip von Maldeghem im Gespräch

Carl Philip von Maldeghem ist seit 2009 Intendant des Salzburger Landestheaters und hat in den zwölf Jahren seiner Intendanz markante Akzente in allen Sparten gesetzt. Mit 31 Jahren wurde er zum Intendanten der Schauspielbühnen in Stuttgart gewählt und war der damals jüngste Intendant Deutschlands. Seit seinem Amtsantritt gehört er zu einer neuen Generation von Theatermachern, denen die Öffnung der Theater am Herzen liegt und die über die Grenze der Bühne hinaus Relevanz erreichen möchten.

Auszug aus einem Interview zum Thema „Visionen und Strategie zum Theater der Zukunft“, geführt von Nadja Prader am 9. Februar 2021

Herr von Maldeghem, was hat das Theater heute für eine Funktion in der Gesellschaft?

von MALDEGHEM: Theater ist ein Freiraum, ein Spielraum und ein Konzentrationsraum, den es in dieser Art sonst nicht gibt. Es ist ein Gedankenraum einerseits und ein tatsächlicher Raum andererseits, in dem sich eine bestimmte Anzahl von Menschen versammelt, um über ein Thema zu reflektieren, und zwar in der Spielanordnung, dass es ein Spielmotiv gibt, meistens ein menschliches Schicksal, das durchgespielt wird. Es ist einer der freiesten Räume der Auseinandersetzung.

Man kann sich hinsetzen und wird wahrscheinlich nach zwanzig Minuten das Gefühl haben, dass die Spielanordnung etwas mit dem eigenen Schicksal zu tun hat. Insofern ist Theater ein Ort, an dem sich die Polis versammelt und sich ohne den parteipolitisch aktuellen Druck über ein bestimmtes Thema auseinandersetzen kann. Jeder Mensch kann dort bei sich sein, und ich glaube, das macht Theater zu einem großen Kraftraum und auch zu einem Freiheitsraum, der deswegen ein hohes Gut in einer Gesellschaft ist.

Hat sich durch die Pandemie etwas an der Bedeutung von Theater in der Gesellschaft verändert?

von MALDEGHEM: Im Moment nicht. Einerseits ist es so, dass die, die sich bisher nicht für Theater interessiert haben, weiterhin nicht dafür interessieren, und die, die sich dafür interessiert haben, dafür kämpfen, also nicht nur die Macher, sondern auch die Rezipienten. Ich finde aber – schon immer, nicht erst seit der Pandemie – dass es unsere Aufgabe als Theatermacher ist, dass wir Angebote an alle Generationen und Interessengruppen machen. Das ist ja auch unser Auftrag.

Es wird wahrscheinlich erst in zwei, drei Jahren sichtbar, was die Pandemie wirklich für Auswirkungen hat. Seit wir unseren Online-Streamingdienst eingerichtet haben, haben wir eine neue mediale Reichweite bekommen. Wir haben bei den Online Premieren jetzt die doppelte und zum Teil dreifache Anzahl von Rezensionen überregional bekommen, und wir haben Zuschriften von Leuten aus Kanada und aus Mexiko erhalten. Das ist eine Reichweite, die sonst nicht gegeben war.

 

Ersthelfer (Szenenbild Landestheater Salzburg)
„Ersthelfer“ mit Larissa Enzi (Salzburger Landestheater)

 

Ist Theater „systemrelevant“, Herr von Maldeghem?

von MALDEGHEM: Im klassischen Sinne, dass Theater für das tägliche Überleben notwendig sind, trifft das nicht zu. Das sind sehr viel mehr ein Supermarkt und ein Krankenhaus. Unsere Chefdramaturgin hat es so formuliert: „Theater ist seelenrelevant“. Es ist etwas, was zu einem gesunden gemeinsamen Leben in einer Gesellschaft gehört. Es ist nicht nur ein Ort der Fokussierung, sondern auch ein Ort, an dem man sich hinweg träumen kann, an dem man sich das Leben anders vorstellen könnte. Ich finde, dass es einer Gesellschaft guttut, wenn sie solche Frei- und Gedankenräume hat und lässt.

Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass das Theater der Gesellschaft viel zu geben hat. Aus diesem Grund habe ich gemeinsam mit Cordula Beelitz-Frank das Führungskräfteprogramm „management-by-shakespeare“ gegründet. Das Prinzip dabei ist, Führungskräfte mit den Methoden des Theaters in Sprache und Körpersprache, Performance im Team und Führungsstrategien bei Schiller und Shakespeare zu schulen. Es geht dabei nicht darum, eine fremde Rolle zu spielen, sondern darum, die Rolle zu spielen, die man im Leben spielen möchte. Insofern ist das ein echtes Empowerment-Programm. Und das Schöne daran ist, dass auch Menschen, die mitten im Beruf stehen, merken, dass Theater ihnen etwas zu geben hat. Neben großen Automobilfirmen und Banken habe ich über zehn Jahre das „Fast Track Programm“ der Robert-Bosch-Stiftung für Nachwuchswissenschaftlerinnen betreut, von denen heute viele Professorinnen sind. Aus einem ähnlichen Gedanken ist auch das mit Seminarbuch und Seminarvideo „Rhetorik“ für die „ZEIT-Akademie“ mit Andreas Sentker und Dietmar Till entstanden.

Welche Wirkung soll Theater beim Publikum entfalten?

von MALDEGHEM: Theater soll dir etwas über dein Schicksal erzählen, soll dir Anregungen darüber geben, dass das Leben anders sein könnte, und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Menschsein anbieten. Dann gibt es durchaus auch den Aspekt, dass Theater etwas ist, was „den Menschen Freude macht“, wie Max Reinhardt es formuliert hat, also einen Theaterbegriff, der Unterhaltung miteinbezieht.

Was bedeutet das für die tägliche Arbeit und Spielplangestaltung?

von MALDEGHEM: Unsere Aufgabe als Theatermacher ist es, einen ganz klar zeitgenössisch verorteten Spielplan zu realisieren. Ansonsten kann das Publikum keinen Konnex zur eigenen Lebensrealität herstellen, und dann wird Theater museal. Oft wird Oper so empfunden. Aber wir dürfen und sollen die klassischen Werke neu beleuchten und dafür sorgen, dass neue Stücke aus unserer Lebensrealität entstehen.

So haben wir zum Beispiel die Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner neu in einer Fassung für Menschen und Marionetten erzählt, die international höchst erfolgreich auf Tour gegangen ist. Mit unserer Produktion der Oper „Brokeback Mountain“ sind wir sogar nach New York eingeladen worden. Im Schauspiel widmen wir uns mit einem Format wie „Familienabend“ zum Beispiel auf sehr persönliche Art in der Stückentwicklung dem Kosmos Familie, und Nuran David Calis hat mit dem Stück „#Ersthelfer“ eine bewegende, dokumentarische Erzählung über die Fluchtwelle 2015 durch Salzburg auf die Bühne gebracht.

Wenn diese kreativen Prozesse gelingen, können wir die klassischen Wahrnehmungsformen durchbrechen, setzen an ihre Stelle aber nicht das ästhetische Nichts oder den Schock, sondern neue Narrative, die das Publikum mit Herz und Hirn erreichen. Ganz wesentlich ist dabei auch die Aufgabe des Jugendtheaters.

Und natürlich ist es entscheidend für das Profil unserer Arbeit, mit wem wir zusammen arbeiten. Mit Mirga Grazinyte-Tyla konnten wir vor einigen Jahren eine der besten Dirigentinnen ihrer Generation als Musikdirektorin gewinnen, die junge 16jährige Komponistin Alma Deutscher schreibt gerade eine neue Oper für uns. Und auch ästhetisch ungewöhnliche Handschriften wie die der israelischen Regisseurin Ronnie Brodetzky, die Youtube-Tutorials zu einem Theaterabend verschmolzen hat, bereichern unseren Spielplan.

Um all das zu in interessanter Art und Weise auf die Bühne zu bringen, arbeiten wir mit einem weitgehend festen Stamm an Sänger*innen, Schauspieler*innen und Tänzer*innen, die ganz selbstverständlich ein diverses Ensemble bilden, aufeinander eingespielt sind und über 30 Nationen repräsentieren.

 

Brokeback Mountain (Szenenbild Landestheater Salzburg)
„Brokeback Mountain“ mit Hailey Clark, Florian Plock und Mark Omvlee (Salzburger Landestheater)

 

Spielt es für Sie eine Rolle, neue Publikumsschichten zu erreichen und programmatische Themen zu setzen, die eventuelle Hemmschwellen abbauen?

von MALDEGHEM: Ja, es ist unsere genuine Aufgabe, Theaterformate für alle Generationen und ohne elitären Dünkel zu erarbeiten. Wir für uns haben hier jetzt über fast zehn Jahre neben dem Spielplan im Haus eine zusätzliche programmatische Linie gefahren, die ich auch für wichtig halte. Wir sind aus dem Theater rausgegangen, um Menschen zu erreichen, die man sonst nicht erreicht. Mit der Bürgerbühne haben wir vor zehn Jahren die erste Produktion gemacht, bei der wir das Publikum per Bus in eine Erstaufnahmestation für Flüchtlinge gebracht haben und das Publikum die entsprechenden Stationen durchlaufen hat. Das hat ein anderes Erleben, ein speziell auf diese Situation bezogenes Erleben verursacht und auch ein anderes Publikum angelockt. Es ist aber genauso möglich, dass wir an einem wunderschönen Ort, wie dem Park von Schloss Leopoldskron, „Shakespeare im Park“ spielen und das Publikum zur Begrüßung einen Picknickkorb bekommt. Für manche mag das Picknick der ausschlaggebende Beweggrund sein, überhaupt zu kommen. Und dann werden sie über das Stationendrama immer tiefer in die Handlung und den Park hineingezogen. Und plötzlich sind wir in der Shakespeare’schen Wildnis angekommen. Das sind zwei Beispiele, wie wir versuchen aus unserem „Elfenbeinturm“ rauszugehen, oder aus dem Ort, in den die Leute sich erst mal hineintrauen müssen.

Warum lieben Sie Ihren Beruf?

von MALDEGHEM: Die Ausübung meines Berufes gelingt nur, wenn ich ganz viel gemeinsam mit Menschen gestalte und kooperiere. Das Theater ist eine soziale Kunst. Wenn ich nicht ein Solostück spiele, in dem ich mich auch noch selbst inszeniere, was ich nicht tue, dann kann ich diesen Beruf nur machen, wenn ich ihn mit ganz vielen Menschen gemeinsam mache. Und dazu brauche ich eine gute Atmosphäre und ein ehrliches Klima des Miteinanders. Wenn es gelingt, gemeinsam mit Menschen Geschichten zu erzählen, die wieder in anderen Menschen etwas auslösen, darüber, dass diese Welt anders sein könnte, besser sein könnte, dann ist der Beruf extrem befriedigend. Es ist auch ein Job, der mich eigentlich jeden Tag in drei unterschiedlichen Sphären sein lässt, nämlich in der aktuellen künstlerischen Arbeit, in der Umsetzung dessen, was wir vor einem Jahr geplant haben und in der Planung dessen, was wir in eineinhalb Jahren tun.

 

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