Winterreifen im Härtetest: Warum Sparen gefährlich werden kann

Mit dem nahenden Herbst steht für Millionen Autofahrer in Deutschland der Wechsel auf Winterreifen an. Die allseits bekannte Faustregel „O bis O“ – von Oktober bis Ostern – markiert die Saison, in der speziell profilierte Pneus für Sicherheit auf verschneiten, matschigen oder nassen Straßen sorgen sollen. Doch nicht jedes Modell hält, was es verspricht. Der jüngste Winterreifentest des ADAC bringt es deutlich ans Licht: Fast jeder zweite Reifen ist nicht empfehlenswert – insbesondere günstige Modelle erweisen sich als Sicherheitsrisiko.

Noch nie zuvor wurden in einem ADAC-Test so viele Winterreifen auf einmal geprüft. 31 Modelle in der Dimension 225/40 R18 – passend unter anderem für beliebte Fahrzeuge wie Audi A3, BMW 1er, Mercedes A-Klasse, Opel Astra, Škoda Octavia oder VW Golf – mussten ihr Können auf trockener, nasser und verschneiter Fahrbahn unter Beweis stellen. Ergänzend untersuchten die Experten die Fahreigenschaften auf Eis sowie die Umweltbilanz, also Abrieb, Verbrauch und prognostizierte Laufleistung.

Die Testreihen fanden quer durch Europa statt: Trockenfahrten in Italien, Nässe- und Eisprüfungen in Hannover und Schneetests im finnischen Norden. Damit sollte sichergestellt werden, dass die Ergebnisse unter realistischen und zugleich extremen Bedingungen belastbar sind.

Billigreifen als Sicherheitsfalle

Besonders kritisch fällt das Urteil über die Budgetklasse aus. Von 14 getesteten Billigreifen kassierten elf die Note „mangelhaft“. Die gravierendsten Probleme: fehlender Grip auf Schnee, unsicheres Verhalten bei Nässe und viel zu lange Bremswege.

Ein drastisches Beispiel verdeutlicht die Gefahr: Während der Goodyear UltraGrip Performance 3 aus Tempo 80 nach knapp 31 Metern sicher zum Stillstand kommt, benötigt der Syron Everest 2 mehr als 47 Meter. An dem Punkt, an dem das Fahrzeug mit Premiumreifen längst steht, würde das Auto mit Syron-Bereifung noch mit über 45 km/h Restgeschwindigkeit unterwegs sein. Im Ernstfall kann dies den Unterschied zwischen einer brenzligen Situation und einem schweren Unfall ausmachen.

Neben Syron fielen auch Modelle von CST, Evergreen, Goodride oder Star Performer durch. Selbst Marken wie Point S schafften nur ein „ausreichend“ – ebenfalls keine Empfehlung. Einzige Ausnahme war der Momo W-20 North Pole, der immerhin ein „befriedigend“ erreichte und sich in puncto Bremsweg mit deutlich teureren Modellen messen konnte.

Preisdifferenzen relativieren sich

Preislich wirken Billigreifen zunächst attraktiv: Teilweise sind sie mehrere Hundert Euro pro Satz günstiger. Doch der Spareffekt relativiert sich angesichts der Sicherheitsrisiken schnell. Hinzu kommt die kürzere Haltbarkeit. Premiumreifen wie der Testsieger von Goodyear oder das Modell von Michelin kosten zwar 170 bis 180 Euro pro Stück, bieten aber eine wesentlich höhere Laufleistung und damit langfristig oft sogar ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis.

Gesetzliche Mindeststandards und ihre Grenzen

Dass viele Billigreifen überhaupt auf den Markt gelangen, hat mit den rechtlichen Rahmenbedingungen zu tun. In der EU gilt: Produkte dürfen nur verkauft werden, wenn sie bei bestimmungsgemäßer Nutzung die Sicherheit und Gesundheit der Verbraucher nicht gefährden. Bei Reifen schreibt die EU-Reifenkennzeichnungsverordnung bestimmte Anforderungen vor, etwa zur Griffigkeit auf Schnee oder zum Bremsen auf Nässe.

Doch wie Thomas Salzinger vom TÜV Süd erklärt, existieren keine Mindestanforderungen für alle relevanten Eigenschaften. So fehlen Grenzwerte für Trockenbremsen, Aquaplaning oder Kurvenhaftung. Tests von Verbraucherorganisationen wie ADAC oder Stiftung Warentest gehen daher weit über gesetzliche Vorgaben hinaus. Sie zeigen auf, was technisch möglich ist und wo Produkte trotz Zulassung klare Defizite haben.

Folgen für Hersteller und Verbraucher

Rechtlich haben schlechte Testergebnisse zunächst keine Konsequenzen. Hersteller dürfen die Reifen weiterhin verkaufen. Allerdings reagieren viele Händler sensibel auf negative Bewertungen und nehmen auffällige Produkte freiwillig aus dem Sortiment. Stellt sich in Tests heraus, dass gesetzliche Mindestwerte unterschritten werden, schreiten Marktüberwachungsbehörden wie das Kraftfahrt-Bundesamt ein. Diese können Rückrufe anordnen oder Verkaufsverbote verhängen.

Für Verbraucher gilt daher: Zulassung bedeutet nicht automatisch Empfehlung. Wer sich ausschließlich auf gesetzliche Mindeststandards verlässt, riskiert unter Umständen die eigene Sicherheit.

Der aktuelle ADAC-Test macht deutlich, wie groß die Unterschiede zwischen den Reifenklassen sind. Premiumprodukte liefern ein hohes Maß an Sicherheit und Haltbarkeit, Mittelklasse-Reifen sind eine Option mit Einschränkungen – während Billigreifen in vielen Fällen schlicht gefährlich sind.

Vor allem für Vielfahrer oder Menschen, die regelmäßig auf winterlichen Straßen unterwegs sind, lohnt sich die Investition in hochwertige Modelle. Wer hingegen nur selten fährt und bei extremem Wetter auch mal das Auto stehen lassen kann, findet in der Mittelklasse akzeptable Alternativen. Billigreifen jedoch sollten – trotz verlockender Preise – gemieden werden. Denn im Straßenverkehr kann jeder Meter Bremsweg entscheidend sein.