Wie geopolitische Krisen deutsche Unternehmen zum Umdenken zwingen – Risikoanalysen, Präventionsstrategien und Forderungen an die Politik
Der Konflikt rund um Iran hat die Ebene geopolitischer Spekulation längst verlassen. Für deutsche Unternehmen ist er zu einem handfesten Wirtschaftsrisiko geworden – eines, das Lieferketten, Energiepreise und Personalplanungen gleichzeitig unter Druck setzt. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat die Konsequenzen analysiert und warnt vor einem drohenden Stellenabbau in zentralen Industriebranchen.
Wenn die Straße von Hormus zum Engpass wird
Etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls passiert die Straße von Hormus. Diese Zahl allein erklärt, warum Spannungen am Persischen Golf in deutschen Chefetagen mit wachsender Unruhe verfolgt werden. Eine Blockade oder auch nur eine ernsthafte militärische Eskalation in der Region würde die Energiemärkte in einer Weise erschüttern, die 2022 – nach dem russischen Angriff auf die Ukraine – bereits einmal skizziert wurde. Damals stiegen die Gaspreise ins Extreme. Eine vergleichbare Dynamik beim Ölpreis hätte direkte Auswirkungen auf Produktionskosten quer durch die deutsche Industrie.
Besonders exponiert wären energieintensive Sektoren: Chemie, Stahl, Aluminium. Aber auch die Automobilindustrie, die ohnehin unter erheblichem Transformationsdruck steht, wäre über ihre Vorlieferanten rasch in den Sog geraten. Die enge Verflechtung der deutschen Exportwirtschaft mit globalen Energiemärkten ist Stärke und Schwäche zugleich – und genau diese Ambivalenz wird in einer Eskalationssituation schmerzhaft sichtbar.
Was das IW konkret warnt
Das Institut der deutschen Wirtschaft legt den Finger in eine Wunde, die viele Unternehmen lieber nicht öffentlich thematisieren: Geopolitische Krisen werden systematisch unterschätzt, weil ihre Eintrittswahrscheinlichkeit schwer zu quantifizieren ist. Die IW-Ökonomen machen jedoch deutlich, dass das Szenario einer eskalierenden Iran-Krise kein Extremfall mehr ist – es ist ein realistisches Planungsszenario, das in unternehmerischen Risikomodellen abgebildet gehört.
Die Warnung vor Stellenabbau ist dabei nicht pauschal gemeint. Sie richtet sich vor allem an Branchen, die auf günstige Energiepreise angewiesen sind, an Unternehmen mit langen und schwer umzulenkenden Lieferketten sowie an exportorientierte Mittelständler, die keine Reserven haben, um einen mehrmonatigen Preisschock zu absorbieren. Gerade der deutsche Mittelstand – Rückgrat der Volkswirtschaft und gleichzeitig strukturell weniger krisenfest als Großkonzerne – steht hier besonders exponiert da. Wer keine Finanzpuffer hat und gleichzeitig keine Möglichkeit, Kostensteigerungen an Kunden weiterzugeben, gerät schnell in eine Lage, in der Personalkosten die einzige verbleibende Stellschraube sind.
Risikoanalyse als Führungsaufgabe
Was lange als Aufgabe von Außenpolitikern galt, ist längst Chefsache in Unternehmen geworden. Geopolitisches Risikomanagement – früher ein Randthema in Strategieabteilungen – hat in den vergangenen drei Jahren erheblich an Gewicht gewonnen. Russland, China, jetzt Iran: Die Abfolge geopolitischer Störfälle hat viele Vorstände und Geschäftsführer dazu gezwungen, ihre Risikoarchitektur grundlegend zu überdenken.
Szenarioanalysen, die früher im Jahresrhythmus aktualisiert wurden, werden heute teilweise quartalsweise neu bewertet. Geopolitische Intelligence-Dienste, früher fast ausschließlich für DAX-Konzerne erschwinglich, öffnen sich zunehmend auch für mittelgroße Unternehmen. Die Frage, die dabei immer im Raum steht: Wie weit lässt sich Risiko wirklich antizipieren – und ab wann kippt Vorsicht in operative Lähmung? Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Was sich jedoch zeigt: Unternehmen, die nach 2022 konsequent in Resilienz investiert haben – in alternative Bezugsquellen, in Lagerhaltung, in flexiblere Produktionsprozesse –, sind heute merklich robuster aufgestellt. Nicht krisensicher. Aber krisenfester. Das ist kein kleiner Unterschied.
Lieferketten umbauen – leichter gesagt als getan
Diversifizierung ist das Gebot der Stunde. Das klingt einfacher, als es ist. Wer jahrelang auf kostenoptimierte Single-Source-Lieferketten gesetzt hat, kann diese nicht binnen Quartalen umbauen. Neue Lieferanten müssen qualifiziert, Verträge neu verhandelt, Logistikwege neu etabliert werden. Das kostet Zeit, Kapital und Managementkapazität – alles Ressourcen, die gerade bei kleineren Unternehmen knapp sind.
Nearshoring als vermeintliche Lösung hat dabei seine eigenen Tücken. Europa ist kein geschlossener Wirtschaftsraum, der sich von globalen Preissignalen abkoppeln lässt. Wer seinen Lieferanten von Asien nach Osteuropa verlagert, senkt möglicherweise geopolitische Risiken – erhöht aber gleichzeitig die Kosten und reduziert die Flexibilität. Es ist ein Tausch von Risiken, keine Risikoeliminierung. Das muss man nüchtern so benennen.
Dennoch: Stillstand ist keine Option. Wer heute nicht in Lieferkettendiversität investiert, wird bei der nächsten Eskalation erneut kalt erwischt. Das weiß das Gros der deutschen Unternehmen. Die eigentliche Frage ist, ob der Handlungsdruck groß genug ist, kurzfristige Kostennachteile in Kauf zu nehmen – oder ob die Trägheit des Alltags wieder die Oberhand gewinnt.
Was die Politik jetzt liefern muss
Deutsche Unternehmen können geopolitische Risiken managen, aber nicht beseitigen. Das ist Aufgabe der Politik – und hier wird die Kritik aus der Wirtschaft lauter. Das IW und andere wirtschaftsnahe Institute fordern seit Längerem ein aktiveres außenwirtschaftliches Engagement der Bundesregierung: verlässliche Handelsabkommen mit alternativen Partnern, klarere Rohstoffpartnerschaften und eine kohärente Energiepolitik, die nicht bei jedem außenpolitischen Windstoß ins Wanken gerät.
Konkret geht es um mehrere Stellschrauben. Die strategische Diversifizierung der Energieversorgung muss staatlich flankiert werden – durch Investitionsanreize für erneuerbare Energien ebenso wie durch den Ausbau von LNG-Infrastruktur als Überbrückungslösung. Darüber hinaus braucht es schnellere Genehmigungsverfahren für Unternehmen, die ihre Lieferketten umbauen wollen – bürokratische Hürden bremsen Resilienzinvestitionen, die eigentlich im gesamtgesellschaftlichen Interesse liegen. Und Deutschland muss in internationalen Foren aktiver für regelbasierte Handelsstrukturen eintreten, statt außenpolitisch immer wieder in den Reaktionsmodus zu verfallen.
Das klingt nach Standardforderungen. Sind es auch. Aber die Tatsache, dass sie seit Jahren unerfüllt bleiben, macht sie nicht weniger dringlich – im Gegenteil.
Der Preis des Zögerns
Geopolitische Krisen haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie treffen selten genau dann ein, wenn Unternehmen und Politik vorbereitet sind. Der Konflikt rund um Iran ist kein abstraktes Zukunftsszenario mehr – er ist eine laufende Variable, die Märkte bewegt, Planungen torpediert und Entscheidungen erzwingt. Wer jetzt noch auf Abwarten setzt, handelt nicht konservativ, sondern fahrlässig. Die deutschen Unternehmen, die heute in Resilienz investieren, zahlen einen Preis dafür – in Form von Mehrkosten, Aufwand und internen Konflikten über Ressourcen. Aber dieser Preis ist kalkulierbar. Der Preis des Nichtstuns ist es nicht.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet der Iran-Konflikt konkret für deutsche Exportunternehmen?
Eine militärische Eskalation rund um Iran gefährdet vor allem die Stabilität der globalen Energiemärkte und wichtiger Seerouten. Für deutsche Exportunternehmen bedeutet das steigende Produktionskosten, mögliche Lieferausfälle und eine wachsende Planungsunsicherheit – besonders in energieintensiven Branchen wie Chemie, Stahl und Automotive.
Welche Branchen sind laut IW am stärksten von einer Eskalation betroffen?
Das Institut der deutschen Wirtschaft sieht vor allem energieintensive Industrien und exportorientierte Mittelständler mit langen, schwer umzulenkenden Lieferketten als besonders gefährdet an. Diese Unternehmen haben oft keine ausreichenden Finanzpuffer, um einen längeren Preisschock aufzufangen, ohne Stellen abzubauen.
Was fordert das IW von der Bundesregierung zur Abfederung der Krisenfolgen?
Das IW fordert unter anderem eine konsequente Diversifizierung der Energieversorgung mit staatlicher Flankierung, den Abbau bürokratischer Hürden bei Resilienzinvestitionen sowie ein aktiveres außenwirtschaftliches Engagement Deutschlands – etwa durch neue Handelsabkommen und ein stärkeres Eintreten für regelbasierte internationale Handelsstrukturen.