Präeklampsie: Dr. Julia Jückstock über Früherkennung und aktuelle Präventionsstrategien

Präeklampsie zählt zu den schwerwiegendsten Komplikationen einer Schwangerschaft. Die Erkrankung, die sich meist nach der 20. Schwangerschaftswoche entwickelt und durch neu auftretenden Bluthochdruck in Kombination mit Organbeteiligungen gekennzeichnet ist, kann sowohl die Gesundheit der Mutter als auch die Entwicklung des ungeborenen Kindes erheblich beeinträchtigen. Unbehandelt drohen schwerwiegende Folgen wie Eklampsie, das HELLP-Syndrom oder eine ausgeprägte Wachstumsverzögerung des Feten.

Noch vor wenigen Jahren lag der Schwerpunkt vor allem auf der möglichst frühen Diagnose bereits eingetretener Krankheitszeichen. Inzwischen hat sich der Blickwinkel verändert. Moderne Screening-Verfahren ermöglichen bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel eine fundierte Risikoabschätzung und schaffen damit die Grundlage für gezielte Präventionsmaßnahmen. Für Privatdozentin Dr. med. Julia Jückstock, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe mit Schwerpunkt Perinatalmedizin und Pränataldiagnostik, gehört dieser Paradigmenwechsel zu den wichtigsten Entwicklungen der vergangenen Jahre. Je früher ein erhöhtes Risiko erkannt werde, desto besser lasse sich im besten Fall die Entwicklung einer manifesten Präeklampsie verhindern und die Schwangerschaft individuell begleiten.

Die Plazenta steht im Mittelpunkt – Dr. Julia Jückstock über den heutigen Kenntnisstand

Die genauen Ursachen einer Präeklampsie sind bis heute nicht vollständig geklärt. Nach heutigem Kenntnisstand entstehen die entscheidenden Veränderungen jedoch bereits zu Beginn der Schwangerschaft. Nistet sich die Plazenta nicht optimal in der Gebärmutter ein und passen sich die mütterlichen Gefäße unzureichend an die Schwangerschaft an, kann dies die Durchblutung beeinträchtigen. In der Folge kommt es zu einer Fehlregulation der Gefäßfunktion, die Bluthochdruck und ggf. Organveränderungen auslösen kann.

Zu den bekannten Risikofaktoren zählen unter anderem chronischer Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Nierenerkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Mehrlingsschwangerschaften, eine Präeklampsie in einer früheren Schwangerschaft sowie ein höheres mütterliches Alter. Gleichzeitig zeigt die klinische Erfahrung, dass die Erkrankung durchaus auch bei Frauen ohne erkennbare Vorerkrankungen auftreten kann. Genau deshalb reicht die Betrachtung einzelner vorbestehender Risikofaktoren heute nicht mehr aus.

Moderne Screening-Konzepte verändern die Vorsorge

Für Dr. Julia Jückstock beginnt eine wirksame Prävention lange bevor erste Vorboten der Erkrankung auftreten. Entscheidend sei vielmehr, Risikokonstellationen möglichst früh zu erkennen und die Betreuung entsprechend anzupassen. Das Präeklampsie-Screening im ersten Schwangerschaftsdrittel nimmt dabei eine zentrale Rolle ein.

Dr. Julia Jückstock: A. Uterina

Die Untersuchung erfolgt idealerweise zwischen der 11. und 13. Schwangerschaftswoche. Anders als klassische Vorsorgekonzepte stützt sie sich nicht auf einen einzelnen Messwert, sondern auf die Kombination verschiedener diagnostischer Verfahren. Neben der individuellen Krankengeschichte werden standardisierte Blutdruckmessungen durchgeführt und die Durchblutung der Gebärmutterarterien mittels Doppler-Ultraschall beurteilt. Ergänzend können biochemische Marker aus dem mütterlichen Blut (PAPP-A, PlGF) in die Risikoberechnung einfließen.

 

Aus diesen Informationen wird mithilfe validierter Algorithmen die individuelle Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Präeklampsie berechnet. Dadurch lassen sich insbesondere Schwangere identifizieren, die von präventiven Maßnahmen oder einer intensiveren Betreuung profitieren können. Gleichzeitig verhindert das Verfahren, dass Schwangere ohne erhöhtes Risiko unnötig verunsichert oder medizinisch überversorgt werden.

Die Perinatalmedizinerin bewertet diese Entwicklung als wichtigen Schritt hin zu einer stärker personalisierten Schwangerschaftsvorsorge. Nicht jede Patientin benötige dieselbe Intensität der Betreuung – entscheidend sei vielmehr, medizinische Ressourcen dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen entfalten können.

Evidenzbasierte Prävention

Eine der wichtigsten präventiven Maßnahmen besteht heute in der Gabe niedrig dosierter Acetylsalicylsäure (ASS) bei Schwangeren mit erhöhtem Präeklampsierisiko. Mehrere große internationale Studien konnten zeigen, dass sich das Risiko insbesondere für frühe und schwere Formen der Präeklampsie dadurch deutlich reduzieren lässt.

Die deutschsprachige S2k-Leitlinie „Hytertensive Schwangerschaftserkrankungen“ empfiehlt deshalb bei entsprechendem Risikoprofil den Beginn einer ASS-Prophylaxe möglichst vor der 16. Schwangerschaftswoche. Im Rahmen eines FMF-basierten Screenings werden 150 Milligramm einmal täglich abends bis zur Vollendung der 36. Schwangerschaftswoche (36+0) eingesetzt. Eine generelle Einnahme für alle Schwangeren ist dagegen nicht sinnvoll.

Entscheidend ist dabei weniger die Dosierung als der Zeitpunkt des Therapiebeginns. Nach Einschätzung von Dr. Julia Jückstock wird der größte präventive Effekt während der frühen Plazentaentwicklung erzielt. Diese Erkenntnis unterstreicht erneut, weshalb eine fundierte Risikoanalyse bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel einen so hohen Stellenwert besitzt. Neuere Studien hatten eine bessere Wirksamkeit von 150 mg im Vergleich zu 100 mg ASS gezeigt, sodass aktuell die höhere Dosis empfohlen wird.

Regelmäßige Vorsorge bleibt unverzichtbar

Auch eine optimale Prävention kann das Auftreten einer Präeklampsie nicht in jedem Fall verhindern. Regelmäßige Blutdruckkontrollen, Urinuntersuchungen und Ultraschalluntersuchungen bleiben daher während der gesamten Schwangerschaft unverzichtbar. Bei unklaren Befunden bzw. Verdacht auf eine beginnende Präeklampsie können ergänzend Laborparameter wie das Verhältnis der Biomarker sFlt-1 und PlGF (sFlt / PlGF-Quotient) als neuere diagnostische Parameter eingesetzt werden, um die weitere Schwangerschaftsbetreuung zu unterstützen.

Dr. Julia Jückstock weist außerdem auf die Bedeutung einer guten Aufklärung werdender Mütter hin. Starke Kopfschmerzen, Sehstörungen, Oberbauchschmerzen, plötzlich auftretende Ödeme oder ein deutlicher Blutdruckanstieg sollten unabhängig vom Schwangerschaftszeitpunkt zeitnah ärztlich abgeklärt werden.

Dr. Julia Jückstock setzt auf Prävention statt Reaktion

Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt deutlich, dass sich die Geburtshilfe und Perinatalmedizin zunehmend von einer reaktiven hin zu einer vorausschauenden Medizin entwickelt. Moderne Ultraschallverfahren, biochemische Marker und wissenschaftlich validierte Risikomodelle ermöglichen heute eine deutlich individuellere Betreuung als noch vor wenigen Jahren. Davon profitieren nicht nur Frauen mit bekannten Vorerkrankungen, sondern auch Schwangere, bei denen erst das strukturierte Screening auf ein erhöhtes Risiko hinweist.

Für Dr. Julia Jückstock ist diese Entwicklung Ausdruck einer Medizin, die nicht erst auf Komplikationen reagiert, sondern ihnen möglichst früh begegnet. Qualifizierte Pränataldiagnostik, evidenzbasierte Präventionsstrategien und eine individuell abgestimmte Schwangerschaftsvorsorge können eine Präeklampsie zwar nicht vollständig verhindern, sie leisten jedoch einen entscheidenden Beitrag dazu, Risiken frühzeitig zu erkennen und die Versorgung von Mutter und Kind nachhaltig zu verbessern.

Über Dr. Julia Jückstock

Interview für Das Managerblatt: Das Zytomegalie-Virus (CMV) in der Schwangerschaft: Ein Interview mit Dr. Julia Jückstock

Interview für Hajo Springmann: Zwischen Verantwortung und Resilienz: Wege zu weniger Stress im ärztlichen Alltag – ein Gespräch mit Dr. Julia Jückstock

Dr. Julia Jückstock über Kommunikationsstrukturen im Kreißsaal – Ein Beitrag aus ärztlicher Perspektive

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