OpenAI ist am Kauf von Google Chrome interessiert

Im Zentrum eines historischen Kartellverfahrens gegen Google formieren sich neue Allianzen, strategische Interessen – und potenziell tektonische Verschiebungen in der digitalen Welt. Im Fokus steht dabei ausgerechnet ein Produkt, das seit Jahren den Markt dominiert: der Webbrowser Chrome. Während das US-Justizministerium weitreichende Sanktionen gegen den Tech-Giganten prüft, bringt sich mit OpenAI ein weiterer Global Player in Stellung – mit einer Vision, die über einen simplen Technologietransfer weit hinausgeht.

Das US-Justizministerium hat Google bereits im vergangenen Jahr eine missbräuchliche Monopolstellung im Bereich der Online-Suche und der damit verknüpften Werbedienste attestiert. Richter Amit Mehta stellte fest, dass der Konzern seine marktbeherrschende Position systematisch einsetze, um Mitbewerber auszuschließen – und dabei insbesondere den eigenen Browser Chrome als Vehikel nutze, um Nutzer möglichst eng an die Google-Suche zu binden.

Die Forderung der Kartellwächter ist klar: Um den Wettbewerb nachhaltig wiederherzustellen, müsse Google Chrome veräußern. Ein beispielloser Schritt, der die digitale Landschaft grundlegend verändern könnte.

Als Nick Turley, Produktchef von ChatGPT, vor Gericht aussagte, machte er keinen Hehl aus den Ambitionen seines Unternehmens: Sollte Google zum Verkauf gezwungen werden, sei OpenAI bereit, Chrome zu übernehmen. In dieser Aussage steckt mehr als bloßes Interesse – es ist ein strategisches Kalkül mit weitreichenden Implikationen.

Die unbefriedigende Bing-Partnerschaft

Derzeit ist ChatGPT bei der Websuche auf Microsofts Bing angewiesen. Doch laut internen Einschätzungen erfüllt diese Kooperation nicht alle Anforderungen an Qualität und Zuverlässigkeit. In den Gerichtsakten ist sogar von „erheblichen Qualitätsproblemen“ mit einem nicht näher genannten Anbieter die Rede – was Branchenkenner unmissverständlich auf Bing beziehen.

OpenAI arbeitet zwar an einer eigenen Suchlösung, doch deren Entwicklung verläuft langsamer als geplant. Das ursprüngliche Ziel, bis Ende 2025 rund 80 Prozent der Nutzeranfragen mit einer eigenen Indexierung abdecken zu können, gilt inzwischen als unrealistisch.

Gescheiterte Annäherung: Googles Absage an OpenAI

Bereits im Juli 2023 hatte OpenAI versucht, eine Kooperation mit Google aufzubauen. In einer E-Mail bot man dem Suchriesen eine Zusammenarbeit über dessen API an – mit dem Ziel, die Qualität der ChatGPT-Antworten durch direkte Einbindung der Google-Suche zu verbessern. Doch Google blockte das Ansinnen ab. Der Grund: Zu viele Wettbewerber wären über eine solche Partnerschaft mit an Bord gewesen.

„Wir glauben, dass eine Öffnung von Googles Suchdaten uns helfen würde, ein deutlich besseres Nutzererlebnis zu bieten“, erklärte Turley vor Gericht. Doch diese Öffnung blieb aus – was die Abhängigkeit von Bing zementierte und die Überlegungen über einen eigenen Browser weiter befeuerte.

Ein weiteres Spannungsfeld eröffnet sich bei der Vorinstallation von Chrome und der Google-Suche auf Android-Smartphones. Wie aus Prozessunterlagen hervorgeht, hatte Google exklusive Abkommen mit Herstellern wie Samsung oder Motorola angestrebt – offenbar auch für KI-Produkte wie Gemini. Zwar wurden diese Deals mittlerweile gelockert, doch für das Justizministerium gehen diese Schritte nicht weit genug. Es fordert ein generelles Verbot von Zahlungen für exklusive Vorinstallationen.

Die Bedeutung eines Chrome-Verkaufs für OpenAI – und für den Markt

Ein möglicher Erwerb von Chrome durch OpenAI wäre ein disruptiver Schritt: Mit mehr als zwei Milliarden aktiven Nutzern weltweit könnte OpenAI schlagartig Zugang zu einem der größten digitalen Ökosysteme erhalten. Dies würde nicht nur die Abhängigkeit von Microsoft reduzieren, sondern auch die Möglichkeit eröffnen, den Browsermarkt selbst zu transformieren – hin zu einer neuen Generation von KI-integrierten Anwendungen.

Für Google hingegen stünde viel auf dem Spiel. Chrome ist ein zentrales Instrument im Datensammel- und Monetarisierungsapparat des Konzerns. Ein Verkauf könnte das Geschäftsmodell erheblich schwächen – zumal auch die lukrativen Vereinbarungen mit Apple überdacht werden müssten, bei denen Google Milliarden zahlt, um als Standard-Suchmaschine in Safari gelistet zu sein.

Ein neuer Akteur für den Browsermarkt?

Parallel zu seinen Akquisitionsüberlegungen sondiert OpenAI offenbar auch die Möglichkeit, einen eigenen Browser von Grund auf zu entwickeln. Hinweise darauf liefern jüngste Personalentscheidungen: So wurden unter anderem die früheren Chrome-Entwickler Ben Goodger und Darin Fisher eingestellt – zwei zentrale Architekten des ursprünglichen Browsers.

Die Zeichen stehen also auf Expansion – ob durch Zukauf oder Eigenentwicklung. In beiden Fällen würde sich OpenAI als neuer Konkurrent im Markt positionieren, in dem bislang Chrome, Safari, Edge und Firefox das Feld dominieren.