Neue Einreiseregeln sorgen für Probleme an Europas Flughäfen
An Europas Flughäfen droht im Sommer eine Belastungsprobe. Branchenverbände warnen vor erheblichen Verzögerungen bei der Einreise, ausgelöst durch das neue europäische Entry/Exit System (EES). Besonders in den verkehrsreichen Monaten Juli und August könnten Passagiere stundenlang an den Grenzkontrollen warten. In einem Schreiben an EU-Innenkommissar Magnus Brunner sprechen der Flughafenverband ACI, der europäische Airlineverband A4E und der Weltluftfahrtverband IATA von möglichen Wartezeiten von bis zu vier Stunden.
Das EES ist seit Oktober vergangenen Jahres schrittweise in der Europäischen Union im Einsatz. Ziel ist es, Drittstaatsangehörige bei der Ein- und Ausreise automatisiert zu erfassen und damit die manuelle Passkontrolle mit Stempel abzulösen. Künftig sollen biometrische Daten digital verarbeitet werden. Reisende legen ihren elektronischen Pass an einem Selbstbedienungsterminal vor, lassen ein Gesichtsbild aufnehmen und Fingerabdrücke scannen. Die Daten werden mit den im Dokument hinterlegten Informationen abgeglichen. Fällt die Prüfung positiv aus, erfolgt die Freigabe zur Einreise.
Technik und Personal als Engpass
In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die Umstellung komplexer ist als geplant. Jost Lammers, Vorsitzender des Flughafenverbands ACI und Chef des Münchner Flughafens, berichtet von Rückmeldungen aus anderen Ländern über technische Störungen und lange Abfertigungszeiten. Noch befinde man sich in einer Phase mit vergleichsweise geringem Reiseaufkommen, der eigentliche Stresstest stehe erst bevor.
Zwar soll das System bis April in allen EU-Staaten vollständig einsatzbereit sein, doch nicht überall verläuft die Einführung reibungslos. Vertreter von Airlines und Flughäfen verweisen auf IT-Probleme sowie auf fehlendes Personal bei den Grenzbehörden. Funktioniert die automatisierte Kontrolle nicht, müssen Reisende auf die klassische Passkontrolle ausweichen. Dort verschärft ein Mangel an Beamten die Situation zusätzlich.
Hinzu kommt, dass digitale Vorabprozesse kaum genutzt werden. Die von der europäischen Grenzschutzagentur Frontex bereitgestellte App, mit der Reisende Teile der Registrierung vorab erledigen könnten, findet bislang nur in Schweden Anwendung. Aus Sicht von Lammers bleibt damit ein wichtiges Instrument zur Entlastung der Abläufe weitgehend ungenutzt.
Er hält das Ziel höherer Sicherheitsstandards grundsätzlich für richtig, fordert jedoch eine beschleunigte und konsequent digital ausgerichtete Umsetzung. Denkbar sei eine befristete Flexibilisierung der Vorschriften bis Ende Oktober, etwa indem in bestimmten Zeitfenstern auf die vollständige biometrische Erfassung verzichtet werde. Damit ließen sich Spitzenbelastungen abfedern.
Weltweiter Trend zu digitalen Vorabgenehmigungen
Die europäische Entwicklung ist Teil einer globalen Verschärfung der Einreiseformalitäten. Immer mehr Staaten verlangen eine digitale Vorabregistrierung, ohne die eine Reise nicht möglich ist. Großbritannien hat zum 25. Februar eine elektronische Reisegenehmigung eingeführt. Wer auf die Insel will, muss vorab online oder per App eine sogenannte Electronic Travel Authorisation beantragen.
Der Geschäftsreisesektor beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. Nach Erhebungen des Reisedienstleisters Perk berichteten im Jahr 2025 bereits 13 Prozent der deutschen Geschäftsreisenden von Problemen im Zusammenhang mit Visa oder Einreiseformalitäten. Ein Jahr zuvor lag dieser Wert bei neun Prozent. Mit der britischen Neuregelung dürfte das Risiko weiter steigen, warnt Perk-Manager Eugen Triebelhorn.
Für Unternehmen sind die Folgen messbar. Abgesagte oder unterbrochene Geschäftsreisen verursachen laut Perk in Deutschland jährliche Zusatzkosten von rund 1,3 Milliarden Euro. Neben direkten Ausfällen entstehen Produktivitätsverluste, wenn Termine nicht wahrgenommen oder Projekte verzögert werden.
Auch in den Vereinigten Staaten kündigen sich Verschärfungen an. Das bislang etablierte ESTA-Verfahren soll nach Plänen der US-Regierung deutlich ausgeweitet werden. Künftig könnten Touristen ähnlich umfangreiche Angaben machen müssen wie Antragsteller eines klassischen Visums. Parallel bereitet die Europäische Union für Oktober die Einführung von ETIAS vor, einem weiteren System zur Vorabregistrierung für visumbefreite Reisende.
Keine Nachfragekrise, aber strukturelle Defizite
Trotz wachsender bürokratischer Anforderungen erwartet Lammers keine nachhaltige Dämpfung des Luftverkehrs. Zwar könne Unsicherheit kurzfristig zu Ausweichbewegungen führen. Im vergangenen Jahr etwa habe eine veränderte Wahrnehmung der Lage in den USA zu einer stärkeren Nachfrage nach Kanada geführt. Grundsätzlich rechnet er jedoch nicht mit einem Einbruch.
Am Standort München spricht die Entwicklung bislang für eine robuste Nachfrage. Das zweitgrößte deutsche Drehkreuz verzeichnete im vergangenen Jahr ein Passagierwachstum von 4,4 Prozent. Hunderte neue Arbeitsplätze seien entstanden. Nach Angaben des Flughafenchefs steht jeder hundertste in Bayern erwirtschaftete Euro in direktem Zusammenhang mit dem Airport.
Aus seiner Sicht liegt das größere Risiko daher nicht in digitalen Grenzkontrollen, sondern in ausbleibenden Infrastrukturentscheidungen. Der seit Jahren diskutierte Bau einer dritten Start- und Landebahn in München wurde von der bayerischen Landesregierung auf Eis gelegt. Für Lammers ist das ein Signal mangelnder Investitionsbereitschaft. Während andere Regionen den Ausbau ihrer Kapazitäten vorantreiben, drohe Deutschland langfristig zurückzufallen.
Kurzfristig lasse sich das Wachstum noch durch effizientere Nutzung der bestehenden Anlagen bewältigen. Gemeinsam mit Partnern wie Lufthansa gebe es Spielräume, zudem soll ein neuer Flugsteig am Terminal 1 in Kürze den Betrieb unterstützen. Dauerhaft werde jedoch eine strategische Weichenstellung nötig sein.
Für eine exportorientierte Volkswirtschaft sei eine leistungsfähige Luftverkehrsinfrastruktur von zentraler Bedeutung. Wenn größere Ausbauprojekte dauerhaft blockiert würden, hätte das weitreichende Folgen. Die Digitalisierung der Grenzkontrollen mag derzeit die sichtbarere Herausforderung sein. Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts bleibt jedoch die Frage, ob Politik und Behörden den infrastrukturellen Rahmen mit dem wachsenden Bedarf in Einklang bringen.