Mehrwertsteuer-Senkung in Restaurants kommt nicht bei den Gästen an

Seit Jahresbeginn werden Speisen in der Gastronomie mit sieben statt 19 Prozent Mehrwertsteuer besteuert. Die Maßnahme sollte die wirtschaftlich angeschlagene Branche entlasten und eröffnete zugleich die Aussicht auf günstigere Restaurantbesuche. Nach den ersten Monaten fällt die Bilanz allerdings zweigeteilt aus. Während Betriebe die steuerliche Entlastung nach eigenen Angaben dringend benötigen, haben sich die Preise für Gäste kaum nach unten bewegt.

Eine Untersuchung im Auftrag der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) liefert dazu umfangreiche Zahlen. Das Beratungsunternehmen WMP-Consult verglich mehr als 180.000 Gerichte aus über 12.000 Restaurants vor und nach der Steueränderung. Lediglich rund ein Prozent der untersuchten Speisen wurde günstiger. Bei etwa neun von zehn Gerichten änderte sich der Preis nicht, rund acht Prozent verteuerten sich sogar. Über alle untersuchten Angebote hinweg stiegen die Preise im Durchschnitt um 0,5 Prozent.

Rechnerische Entlastung trifft auf steigende Kosten

Rein rechnerisch hätte eine vollständige Weitergabe des niedrigeren Steuersatzes deutlich stärker auf die Speisekarten durchschlagen können. Nach Angaben der Studienmacher wäre bei einer vollständigen Übertragung der Steuerentlastung eine Verringerung der Endpreise um rund zehn Prozent möglich gewesen.

Dass dies nahezu ausgeblieben ist, wird von Gewerkschafts- und Verbraucherseite kritisch bewertet. Die NGG sieht das Ziel, auch Restaurantgäste finanziell zu entlasten, als verfehlt an. Kritik kommt ebenfalls von Foodwatch. Die Organisation verweist darauf, dass die Entlastung unabhängig davon greift, ob ein Betrieb tatsächlich wirtschaftliche Unterstützung benötigt. Die jährlichen Kosten für den Staat werden je nach Berechnung auf mehrere Milliarden Euro beziffert. Der Bund der Steuerzahler hatte rund 3,6 Milliarden Euro genannt, Foodwatch geht von vier bis fünf Milliarden Euro aus.

Die Gastronomie betrachtet die Wirkung dagegen aus einer anderen Perspektive. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) argumentiert, die Steuersenkung sei nicht als allgemeines Programm für niedrigere Restaurantpreise zu verstehen. Vielmehr verschaffe sie den Unternehmen finanziellen Spielraum, um andere Belastungen aufzufangen.

Preisstabilität statt Preissenkung

Diese Argumentation wird vor allem mit der Kostenentwicklung begründet. Lebensmittel und Lieferungen haben sich verteuert, zugleich belasten höhere Energie-, Personal- und Lohnkosten die Unternehmen. Hinzu kommt die Erhöhung des Mindestlohns. Für einzelne Gastronomen bedeutet der niedrigere Steuersatz deshalb nicht, Preise reduzieren zu können, sondern weitere Erhöhungen zu vermeiden.

Eine bundesweite Dehoga-Umfrage unter 2.000 gastgewerblichen Unternehmen aus dem Juli stützt diese Sichtweise. Demnach konnten 73,4 Prozent der befragten Betriebe ihre Preise trotz gestiegener Kosten stabil halten. 72,2 Prozent gaben an, höhere Personal- und Lohnkosten aufgefangen zu haben. Bei 53,1 Prozent habe die Entlastung dazu beigetragen, bestehende Arbeitsplätze zu sichern. Knapp 30 Prozent erklärten, notwendige Preiserhöhungen seien dadurch geringer ausgefallen.

Damit stehen sich zwei unterschiedliche Maßstäbe gegenüber. Aus Sicht der Gäste lässt sich die Wirkung unmittelbar an der Rechnung im Restaurant ablesen. Dort ist von der Steueränderung kaum etwas zu erkennen. Für die Unternehmen liegt der Effekt dagegen auch in Kosten, die nicht weitergegeben wurden, Investitionen oder der Stabilisierung des laufenden Betriebs.

Wirtschaftliche Lage bleibt angespannt

Die Debatte findet vor dem Hintergrund einer Branche statt, deren wirtschaftliche Kennzahlen weiterhin unter Druck stehen. 2025 meldeten laut Creditreform Wirtschaftsforschung rund 2.900 Gastronomiebetriebe Insolvenz an. Das waren mehr als doppelt so viele wie 2022. Zwischen 2020 und 2025 wurden bundesweit mehr als 11.000 Insolvenzen in der Gastronomie registriert.

Auch 2026 zeichnet sich bislang keine deutliche Erholung ab. Nach Angaben des Dehoga lagen die preisbereinigten Umsätze im ersten Halbjahr in jedem Monat unter dem bereits schwachen Niveau des Vorjahres. Insgesamt betrug der reale Rückgang gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 gut fünf Prozent. Verglichen mit 2019 liegt das reale Umsatzminus bei mehr als 20 Prozent.

Parallel steigt die Zahl der wirtschaftlich gefährdeten Betriebe. Im ersten Halbjahr wurden nach Verbandsangaben mehr als 1.200 Insolvenzverfahren im Gastgewerbe beantragt. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht dies einem Plus von gut 16 Prozent.

Auch die Beschäftigten rücken in den Fokus

Die NGG verbindet die Diskussion deshalb mit der Frage, wie die steuerliche Entlastung innerhalb der Unternehmen eingesetzt wird. Nach Gewerkschaftsangaben zählt das Gastgewerbe zu den großen Niedriglohnbereichen Deutschlands. In einer Befragung von gut 2.100 Beschäftigten berichteten zudem viele Teilnehmer über lange Arbeitstage und Schwierigkeiten durch kurzfristige Änderungen der Dienstpläne. 71 Prozent der Befragten erwogen einen Wechsel in eine andere Branche.

Die Gewerkschaft fordert daher, staatliche Unterstützung stärker mit den Arbeitsbedingungen und der Tarifbindung zu verknüpfen. Der Dehoga setzt andere Schwerpunkte und verlangt neben steuerlichen Entlastungen weniger Bürokratie sowie flexiblere Arbeitszeitregelungen.

Die ersten Monate mit sieben Prozent Mehrwertsteuer zeigen damit vor allem, wie unterschiedlich die Wirkung der Maßnahme bewertet wird. Auf den Speisekarten ist die Entlastung nahezu unsichtbar geblieben. Gleichzeitig verweisen viele Betriebe darauf, dass gerade die unveränderten Preise bereits ein Ergebnis der niedrigeren Steuer seien. Die entscheidende Auseinandersetzung dreht sich deshalb weniger um die Frage, ob die Steuerentlastung genutzt wird, sondern darum, wem sie unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen zugutekommen soll.

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