Mehr Kurspotenzial als NVIDIA? Diese wenig bekannte KI-Aktie könnte Anleger überraschen
NVIDIA ist das Gesicht der KI-Revolution – und das spiegelt sich im Aktienkurs wider. Wer jedoch glaubt, die einzige relevante Wette im KI-Halbleitermarkt sei bereits gelaufen, übersieht ein Unternehmen, das im Schatten von Santa Clara still und konsequent an Bedeutung gewinnt: Marvell Technology. Der Halbleiterspezialist, ebenfalls in Santa Clara ansässig, hat sich in den vergangenen Jahren vom Nischenzulieferer für Datenspeicher-Infrastruktur zu einem zentralen Akteur im KI-Chip-Ökosystem entwickelt – und die Börse hat das bislang nur teilweise eingepreist.
Vom Datenspeicher-Spezialisten zum KI-Infrastrukturlieferanten
Marvell Technology wurde 1995 gegründet und war über Jahrzehnte vor allem als Hersteller von Chips für Festplatten, Netzwerkkarten und Telekommunikationsinfrastruktur bekannt. Kein Glamour, kein Hype – solides Ingenieursgeschäft. Was sich unter CEO Matt Murphy verändert hat, ist bemerkenswert: Das Unternehmen hat sein Portfolio konsequent auf Rechenzentrum-Infrastruktur ausgerichtet, genau jenen Bereich, der durch den KI-Boom zum Wachstumstreiber der Technologiebranche geworden ist.
Heute liefert Marvell Chips für Hochgeschwindigkeits-Netzwerke innerhalb von Rechenzentren, spezialisierte Prozessoren für optische Verbindungen sowie – und das ist der entscheidende Punkt – maßgeschneiderte KI-Beschleuniger, sogenannte Custom ASICs, für die größten Hyperscaler der Welt. Zu den Kunden zählen Amazon Web Services, Google und Microsoft. Diese drei Namen allein beschreiben ein Kundenprofil, von dem viele Technologieunternehmen träumen.
Custom Silicon: Das Geschäft, das NVIDIA nervös machen sollte
Der Begriff „Custom Silicon" mag technisch klingen, ist aber strategisch hochbrisant. Hyperscaler wie Amazon oder Google wollen ihre KI-Workloads nicht dauerhaft mit teuren, standardisierten NVIDIA-GPUs betreiben. Sie wollen Chips, die exakt auf ihre spezifischen Modelle und Infrastrukturen zugeschnitten sind – effizienter, günstiger im Betrieb und unabhängiger von einem einzigen Lieferanten. Genau hier kommt Marvell ins Spiel.
Das Unternehmen entwickelt gemeinsam mit seinen Hyperscaler-Kunden solche anwendungsspezifischen Schaltkreise und übernimmt dabei nicht nur den Entwurf, sondern auch die Fertigungskoordination mit Auftragsproduzenten wie TSMC. Das Geschäftsmodell ist kapitalschonend – Marvell besitzt keine eigenen Fabs – und skaliert mit dem KI-Investitionszyklus der Cloud-Giganten direkt mit. Im Geschäftsjahr 2025 hat Marvell seinen KI-Umsatz im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt, und das Management hat öffentlich ein mittelfristiges KI-Umsatzziel im zweistelligen Milliardenbereich ausgegeben.
Warum der Vergleich mit NVIDIA mehr als ein Marketingkunststück ist
NVIDIA handelt derzeit zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis, das selbst unter optimistischen Wachstumsannahmen historisch außergewöhnlich hoch ist. Das Unternehmen ist ohne Zweifel das dominante Unternehmen in der KI-Beschleunigung – aber Dominanz ist bereits im Kurs. Bei Marvell sieht das anders aus. Die Aktie wird trotz beschleunigten Wachstums zu deutlich moderateren Bewertungsmultiplikatoren gehandelt, und das Unternehmen profitiert von einem strukturellen Trend, der nicht von NVIDIA abhängt, sondern ihm sogar entgegenwirkt: Je mehr Hyperscaler Custom Silicon einsetzen, desto mehr Geschäft wandert zu Marvell.
Das ist kein Nullsummenspiel, aber es ist eine Verschiebung innerhalb des KI-Chip-Marktes, die viele Investoren noch nicht vollständig in ihre Portfolios übersetzt haben. Marvells Positionierung ist keine Spekulation auf einen Durchbruch – sie ist das Ergebnis langjähriger Kundenbeziehungen mit Unternehmen, die Hunderte Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur investieren.
Wettbewerbsvorteile, die nicht über Nacht erodieren
Was Marvell von vielen kleineren KI-Wetten unterscheidet, ist die Tiefe der Kundenintegration. Custom-ASIC-Projekte entstehen nicht durch einen einfachen Verkaufsgespräch – sie erfordern Jahre gemeinsamer Entwicklung, tiefes Verständnis der Kundenarchitektur und Zuverlässigkeit in der Lieferkette. Wer einmal in diesem Prozess etabliert ist, ist schwer zu verdrängen. Die Wechselkosten für Hyperscaler sind enorm, denn ein Chipwechsel bedeutet umfangreiche Softwareanpassungen, neue Validierungszyklen und erhebliche Betriebsunterbrechungen.
Marvells Stärke liegt auch in der Netzwerktechnologie. Rechenzentren, die Tausende von KI-Chips parallel betreiben, brauchen Hochgeschwindigkeits-Interconnects – und Marvell liefert die Ethernet-Chips, die diese Infrastruktur zusammenhalten. Während der Fokus der Öffentlichkeit auf den Rechenknoten liegt, verdient Marvell an der Infrastruktur, die diese Knoten verbindet. Das ist ein oft übersehener, aber stabiler Wachstumstreiber.
Risiken, die Anleger nicht unterschätzen sollten
Kein Investmentcase ohne ehrliche Risikobetrachtung. Marvell ist in erheblichem Maße von einer kleinen Zahl von Hyperscaler-Kunden abhängig. Eine Neupriorisierung bei Amazon, Google oder Microsoft – sei es durch veränderte KI-Strategien, Budgetkürzungen oder die Entscheidung, bestimmte Chip-Designs vollständig intern zu entwickeln – würde Marvells Wachstumsprojektionen erheblich belasten.
Hinzu kommt der Zyklus der Halbleiterindustrie: Auch KI-Chips sind keine Ausnahme von Überkapazitäten und Nachfragekorrekturen. Wer sich an den Boom und den anschließenden Einbruch bei Speicherchips erinnert, weiß, wie schnell sich das Bild drehen kann. Marvell hat außerdem noch keinen vollständigen Beweis erbracht, dass seine Custom-Silicon-Projekte in der Breite profitabel skalieren – die meisten großen Designs befinden sich noch in frühen Umsatzphasen. Und schließlich bleibt der Wettbewerb im ASIC-Segment intensiv: Broadcom, ein weiterer Halbleiterspezialist, ist in diesem Markt bereits seit Jahren aktiv und verfügt über eigene starke Kundenbeziehungen.
Ein anderer Weg in die KI-Infrastruktur
Wer in KI investieren will, muss nicht zwingend das teuerste Ticket kaufen. Marvell Technology bietet eine strukturell begründete, durch langfristige Kundenverträge gestützte Wachstumsgeschichte in einem Markt, der sich über das nächste Jahrzehnt entfalten wird. Die Aktie ist kein Geheimtipp mehr unter institutionellen Investoren – aber sie ist noch weit davon entfernt, so diskutiert zu werden wie NVIDIA. Genau das könnte der Vorteil für Anleger sein, die bereit sind, etwas tiefer zu graben als die erste Seite der KI-Schlagzeilen.
Häufig gestellte Fragen
Was macht Marvell Technology zu einer KI-Aktie?
Marvell Technology entwickelt maßgeschneiderte KI-Beschleuniger (Custom ASICs) sowie Hochgeschwindigkeits-Netzwerkchips für Rechenzentren. Das Unternehmen arbeitet direkt mit großen Hyperscalern wie Amazon, Google und Microsoft zusammen und profitiert damit unmittelbar vom Ausbau der KI-Infrastruktur.
Warum könnte Marvell mehr Kurspotenzial haben als NVIDIA?
NVIDIA wird bereits zu sehr hohen Bewertungsmultiplikatoren gehandelt, die erhebliches Wachstum vorwegnehmen. Marvell handelt vergleichsweise günstiger, wächst im KI-Segment aber ebenfalls stark. Zudem profitiert Marvell von einem Trend, bei dem Hyperscaler zunehmend auf eigene, kundenspezifische Chips setzen – ein Geschäft, das NVIDIA Marktanteile kosten könnte.
Welche Risiken sollten Anleger bei Marvell kennen?
Die wesentlichen Risiken sind die Kundenkonzentration auf wenige Hyperscaler, die zyklische Natur der Halbleiterindustrie sowie der intensive Wettbewerb im Custom-ASIC-Markt, insbesondere durch Broadcom. Zudem befinden sich viele der großen ASIC-Projekte noch in frühen Umsatzphasen, was die Profitabilität kurzfristig begrenzen kann.