Krankenkassen Debatte: Mehr Zuzahlung und Arztgebühr?

Die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland steht vor massiven Herausforderungen. Während die Ausgaben rasant wachsen, halten die Einnahmen mit dieser Dynamik nicht Schritt. Die Schere zwischen beiden Seiten des Systems wird immer größer und mit ihr der Druck auf Politik, Arbeitgeber und Versicherte. Zwischen höheren Zuzahlungen, einer möglichen Praxisgebühr und milliardenschweren Zuschüssen aus Steuermitteln entzündet sich eine kontroverse Debatte, die nicht nur finanzielle, sondern auch gesellschaftspolitische Fragen aufwirft.

Nach Einschätzung des Bundesrechnungshofs hat die gesetzliche Krankenversicherung 2024 ein Ausgabenwachstum erlebt, das neue Rekordwerte erreicht hat. Diese Entwicklung setzt sich fort: Schon heute zeichnen die Finanzkontrolleure das Szenario einer erheblichen Belastung der Beitragszahler. Prognosen zufolge könnten die Zusatzbeiträge, die derzeit im Schnitt bei 2,9 Prozent liegen, bis 2029 auf über vier Prozent ansteigen. Damit stünden Arbeitnehmer wie Arbeitgeber gleichermaßen unter weiterem Kostendruck. Die Situation gilt längst nicht mehr als temporäre Schieflage, sondern als strukturelles Problem. Thüringens Gesundheitsministerin Katharina Schenk (SPD) sprach angesichts der Zahlen von einem „Weckruf“ an die Bundesregierung. Eine grundlegende Reform sei unvermeidbar, wolle man das solidarische System der gesetzlichen Krankenversicherung nicht dauerhaft gefährden.

Selbstbeteiligung bei Medikamenten

Ein Vorschlag, der derzeit besondere Aufmerksamkeit erhält, kommt vom Gesundheitsökonomen Wolfgang Greiner. Er verweist darauf, dass die Zuzahlungen der Versicherten für Arzneimittel seit zwei Jahrzehnten unverändert geblieben sind. Während die Preise gestiegen und die Inflation über Jahre hinweg das allgemeine Kostenniveau nach oben getrieben hat, liegt die Beteiligung der Patienten unverändert zwischen fünf und zehn Euro pro Medikament.

Greiner plädiert daher für eine Anpassung dieser Beträge an die wirtschaftliche Entwicklung. Konkret schlägt er eine Verdoppelung vor: zehn Euro pro Medikament, maximal 20 Euro. Dadurch könnten sich die Einnahmen aus Zuzahlungen, die aktuell bei rund 2,5 Milliarden Euro liegen, ebenfalls verdoppeln. Allerdings hätte das eine weitreichende Konsequenz: Eine Reihe von günstigen Medikamenten fiele aus der Erstattung durch die Krankenkassen heraus, weil der Eigenanteil der Patienten den Preis übersteigen würde.

Arbeitgeber fordern neue Strukturen und eine Praxisgebühr

Parallel dazu haben die Arbeitgeber eine alte Idee wieder auf den Tisch gelegt: die Praxisgebühr. Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), brachte jüngst eine sogenannte Kontaktgebühr für jeden Arztbesuch ins Gespräch. Sein Argument: Durch eine solche Hürde könne das viel kritisierte „Ärzte-Hopping“ eingedämmt werden, das die Kosten unnötig in die Höhe treibe. Zudem würden Patienten stärker dazu angehalten, sich gleich an die richtige Anlaufstelle zu wenden. Eine standardisierte Ersteinschätzung könnte diesen Prozess unterstützen.

Kampeter betont, dass es bei der Gebühr nicht in erster Linie um zusätzliche Einnahmen gehe, sondern um eine bessere Steuerung der Patientenströme. Dennoch bleibt offen, wie hoch ein solcher Betrag ausfallen müsste, um tatsächlich Verhaltensänderungen zu bewirken. Klar ist: Die Ankündigung einer möglichen neuen Belastung stieß bei Gewerkschaften, Patientenvertretern und auch bei vielen Ärzten auf vehemente Kritik.

Die Idee einer Praxisgebühr, die zuletzt bis 2012 bestand und damals wegen des hohen Verwaltungsaufwands sowie geringer Wirkung wieder abgeschafft wurde, wird von vielen Experten als „Rückschritt“ bewertet. Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen bezeichnete den Vorstoß als „Rückfall in alte Irrwege“. Das eigentliche Problem des Gesundheitswesens liege nicht auf der Einnahmenseite, sondern in den stetig wachsenden Ausgaben, insbesondere für Krankenhausversorgung und teure Medikamente.

Auch Hausärzte und Patientenorganisationen verweisen darauf, dass eine Gebühr eher dazu führe, dass notwendige Arztbesuche hinausgezögert oder vermieden würden. Gerade einkommensschwache Versicherte könnten dadurch gesundheitlich benachteiligt werden. Die Befürworter argumentieren dagegen, dass die Steuerung von Patientenströmen unverzichtbar sei, wenn die Kostenexplosion langfristig eingedämmt werden solle.

Zwischen Sparzwang und Solidarität

Die Diskussion um die Zukunft der Krankenversicherung zeigt, wie schwer es ist, zwischen den verschiedenen Interessen einen tragfähigen Kompromiss zu finden. Auf der einen Seite steht die Notwendigkeit, die Kosten zu begrenzen und Strukturen effizienter zu gestalten. Auf der anderen Seite steht das Prinzip der Solidarität, das gerade in der gesetzlichen Krankenversicherung einen zentralen Stellenwert hat.

Eine höhere Selbstbeteiligung bei Medikamenten und eine Wiedereinführung der Praxisgebühr könnten kurzfristig Entlastung bringen – würden aber zugleich die Versicherten stärker belasten und könnten soziale Ungleichheiten verschärfen. Mehr Steuergelder wiederum stabilisieren zwar das System, verschieben die Last aber auf die Allgemeinheit und erhöhen den Druck auf den Bundeshaushalt. Klar ist: Ohne Reformen wird die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung nicht nachhaltig gesichert werden können. Doch welche Maßnahmen die Politik tatsächlich ergreifen wird, bleibt offen. Die einen setzen auf mehr Eigenverantwortung der Patienten, die anderen fordern strukturelle Veränderungen bei Krankenhäusern und Arzneimitteln. Wieder andere sehen den Staat in der Pflicht, mit Milliardenzuschüssen einzuspringen. Die Debatte wird sich in den kommenden Monaten zuspitzen – nicht zuletzt, weil die steigenden Zusatzbeiträge ab 2025 Millionen Versicherte direkt im Portemonnaie treffen werden.