IW: Temu und Shein sollen deutschen Einzelhandel Milliardensumme kosten

Der Vormarsch chinesischer Billigplattformen wie Temu und Shein auf dem deutschen Markt ist längst kein Randphänomen mehr. Laut einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) verursachen die beiden Onlinehändler dem deutschen Einzelhandel Schäden in Milliardenhöhe – mit wachsender Tendenz. Das trifft eine Branche, die sich ohnehin in einer strukturellen Dauerkrise befindet.

Dumpingpreise mit System

Wer Temu oder Shein zum ersten Mal benutzt, reibt sich die Augen: T-Shirts für zwei Euro, Küchenutensilien für einen Euro, Kinderspielzeug für wenige Cent. Was wie ein Schnäppchen wirkt, folgt einer klaren Geschäftslogik. Beide Plattformen – Temu gehört zum chinesischen Konzern PDD Holdings, Shein operiert ebenfalls aus China heraus – setzen auf ein Modell, das auf ultraniederige Preise, aggressive Werbung in sozialen Netzwerken und eine direkte Lieferkette vom Hersteller zum Endkunden setzt. Zwischenhändler, stationärer Handel, lokale Lagerhaltung – all das entfällt.

Das Problem dabei ist nicht nur der Wettbewerb als solcher. Der ist grundsätzlich legitim. Das Problem ist, unter welchen Bedingungen dieser Wettbewerb stattfindet. Lange profitierten Sendungen aus Nicht-EU-Ländern mit einem Warenwert unter 150 Euro von einer Zollbefreiung – der sogenannten De-minimis-Regelung. Das bedeutete in der Praxis: Millionen von Paketen täglich passierten die EU-Außengrenzen ohne nennenswerte Abgaben, ohne aufwendige Zollkontrollen, ohne systematische Prüfung auf Produktsicherheit. Für Händler innerhalb der EU gelten andere Regeln. Schon allein diese Asymmetrie ist wirtschaftspolitisch brisant.

Milliardensummen im Raum

Das IW hat versucht, das Ausmaß dieser Verschiebung zu quantifizieren. Die berechneten Umsatzverluste für den deutschen Einzelhandel gehen demnach in den Milliardenbereich – je nach Wachstumstempo der Plattformen und regulatorischen Rahmenbedingungen potenziell noch deutlich höher. Dabei sind die indirekten Effekte noch gar nicht vollständig eingepreist: Wenn Händler Umsätze verlieren, sinkt die Beschäftigung, gehen Gewerbesteuereinnahmen zurück, veröden Innenstädte schneller.

Der stationäre Einzelhandel in Deutschland kämpft seit Jahren an mehreren Fronten gleichzeitig: gestiegene Energiekosten, höhere Mieten, veränderte Konsumgewohnheiten nach der Pandemie, der ohnehin drückende Wettbewerb durch Amazon und Zalando. In dieses geschwächte Feld stoßen Temu und Shein mit einer Preisaggressivität, der kaum ein europäischer Anbieter strukturell gewachsen ist. Nicht weil europäische Händler ineffizient wären – sondern weil sie schlicht anderen Regeln unterliegen.

Produktsicherheit und Verbraucherschutz: Die blinden Flecken

Neben der Wettbewerbsverzerrung gibt es einen weiteren, weniger öffentlich diskutierten Aspekt: die Produktsicherheit. Verbraucherschutzorganisationen in mehreren EU-Ländern haben Stichprobenkontrollen durchgeführt und dabei erschreckende Ergebnisse erzielt. Erhebliche Anteile der getesteten Produkte entsprachen nicht den europäischen Sicherheitsstandards – zu hohe Schadstoffwerte in Textilien, nicht zugelassene Materialien in Spielzeug, fehlende CE-Kennzeichnungen bei Elektroprodukten.

Das ist kein Kavaliersdelikt. Die EU-Produktsicherheitsvorschriften sollen Verbraucher schützen. Wenn sie für einen Teil des Markts faktisch nicht durchgesetzt werden, weil die schiere Menge der Sendungen eine systematische Kontrolle unmöglich macht, verliert das gesamte Regulierungssystem an Glaubwürdigkeit. Und wer auf der Strecke bleibt, ist nicht nur der europäische Händler, der alle diese Normen einhält – sondern letztlich auch der Verbraucher, der ein Produkt kauft, das er für sicher hält.

Die Regulierungslücken schließen sich – langsam

Die Europäische Union hat reagiert, wenn auch mit der ihr eigenen Geschwindigkeit. Der Digital Services Act (DSA) verpflichtet sehr große Online-Plattformen zu mehr Transparenz und einer aktiveren Bekämpfung illegaler Inhalte und Produkte. Shein wurde im Mai 2024 als sehr große Online-Plattform eingestuft und unterliegt seitdem verschärften Regeln. Temu folgte kurz darauf. Beide Unternehmen stehen unter Beobachtung der EU-Kommission.

Parallel dazu hat die EU die De-minimis-Zollbefreiung auf den Prüfstand gestellt. Erste Vorschläge zur Reform liegen auf dem Tisch, eine vollständige Abschaffung der Freigrenze wird diskutiert. Die USA haben diesen Schritt bereits unternommen – Washingtons Entscheidung, die zollfreie Einfuhr von Kleinsendungen aus China zu beenden, hat die Debatte in Europa merklich beschleunigt. Ob und wann die EU ähnliche Maßnahmen umsetzt, hängt von politischen Mehrheiten ab, die sich noch formieren.

Auf nationaler Ebene sind die Handlungsspielräume begrenzt. Zollrecht ist EU-Kompetenz, ebenso die Plattformregulierung. Was Berlin tun kann, ist begrenzt: auf europäische Entscheidungen drängen, die Marktüberwachung stärken und Ressourcen für den Zoll und die Produktsicherheitsbehörden bereitstellen. Beides passiert – aber unterfinanziert und mit erheblicher Verzögerung.

Was der Druck auf die Branche wirklich bedeutet

Wer glaubt, das Thema betreffe nur Discounttextilien oder billigen Plastikkram, unterschätzt die Dynamik. Temu hat sein Sortiment massiv ausgeweitet und verkauft inzwischen Elektronik, Sportartikel, Haushaltswaren und mehr. Shein wiederum hat angekündigt, sich stärker als Marktplatz für Drittanbieter zu positionieren – womit der direkte Druck auf weitere Marktsegmente zunimmt.

Für den deutschen Einzelhandel, der im Jahr 2023 erneut Insolvenzen auf erhöhtem Niveau verzeichnete, ist das kein abstraktes Szenario. Jedes prozentuales Marktanteilswachstum der chinesischen Plattformen entspricht realen Umsatzverlusten bei realen Unternehmen – kleinen Modehändlern in der Fußgängerzone ebenso wie mittelgroßen Online-Pure-Playern, die sich über Jahre mühsam etabliert haben.

Gleichzeitig wäre es zu simpel, die Nachfrage nach Billigprodukten schlicht moralisch zu verurteilen. In einem wirtschaftlichen Umfeld, das viele Haushalte real ärmer gemacht hat, sind günstige Produkte für viele Menschen keine Lifestyle-Entscheidung, sondern schlicht notwendig. Das macht die politische Abwägung schwieriger, ändert aber nichts an der strukturellen Schieflage.

Wettbewerb braucht gleiche Spielregeln

Die Debatte um Temu und Shein ist letztlich eine über die Grundbedingungen fairen Wettbewerbs. Märkte funktionieren, wenn alle Marktteilnehmer denselben Regeln unterliegen – beim Verbraucherschutz, bei Zöllen, bei Arbeitnehmerrechten in der Lieferkette. Wo diese Gleichheit fehlt, entsteht kein echter Wettbewerb, sondern eine strukturelle Benachteiligung. Die IW-Zahlen sind in dieser Hinsicht mehr als eine Schlagzeile: Sie beschreiben ein Ungleichgewicht, das sich ohne aktives politisches Gegensteuern weiter vergrößern wird. Ob Brüssel und Berlin den Willen aufbringen, dieses Ungleichgewicht ernsthaft zu adressieren, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Häufig gestellte Fragen

Wie groß ist der wirtschaftliche Schaden durch Temu und Shein für den deutschen Einzelhandel?
Laut einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) verursachen Temu und Shein dem deutschen Einzelhandel Verluste in Milliardenhöhe. Die genaue Summe hängt vom weiteren Wachstumstempo der Plattformen und dem regulatorischen Umfeld ab – Tendenz steigend.

Warum können Temu und Shein so viel günstiger anbieten als europäische Händler?
Ein wesentlicher Faktor war lange die sogenannte De-minimis-Regelung der EU, die Sendungen unter 150 Euro von Zollabgaben befreite. Hinzu kommen direkte Lieferketten ohne Zwischenhändler, niedrigere Produktionskosten und staatlich begünstigte Versandkonditionen. Europäische Händler unterliegen dagegen strengeren Auflagen bei Produktsicherheit, Steuern und Arbeitnehmerrechten.

Was unternimmt die EU gegen die Marktmacht chinesischer Billigplattformen?
Die EU hat sowohl Shein als auch Temu als sehr große Online-Plattformen eingestuft, womit strengere Pflichten unter dem Digital Services Act (DSA) gelten. Zudem wird die Abschaffung der Zollfreigrenze für Kleinsendungen diskutiert. Eine vollständige Umsetzung steht jedoch noch aus und hängt von politischen Mehrheiten in Brüssel ab.