IW-Studie: Krisen kosten Deutschland fast eine Billion Euro

Seit dem Jahr 2020 ist die deutsche Wirtschaft von einer Abfolge außergewöhnlicher Belastungen geprägt. Auf die Corona-Pandemie folgten der russische Angriff auf die Ukraine, massive Energiepreisverwerfungen und zuletzt neue handelspolitische Spannungen mit den USA. Anders als frühere Konjunktureinbrüche führten diese Schocks nicht zu einem kurzen Absturz mit anschließender Erholung, sondern zu einer ungewöhnlich langen Phase der Stagnation. Die wirtschaftlichen Kosten dieser Entwicklung lassen sich inzwischen beziffern – und sie sind enorm.

Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) summiert sich der Ausfall an preisbereinigter Wirtschaftsleistung für die sechs Jahre seit 2020 auf rund 940 Milliarden Euro. Damit nähert sich der Schaden der Marke von einer Billion Euro. Bezogen auf die Zahl der Erwerbstätigen entspricht dies einem Wertschöpfungsverlust von deutlich mehr als 20.000 Euro je Beschäftigtem. Die laufende Dekade übertrifft damit bereits heute die Belastungen früherer Krisen deutlich.

Eine Krise ohne klare Zäsur

Die Dimension wird besonders deutlich im Vergleich mit früheren Abschwüngen. Für die Stagnationsphase zu Beginn der 2000er-Jahre beziffert das IW die realen Wirtschaftseinbußen auf rund 360 Milliarden Euro. Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 schlug mit etwa 525 Milliarden Euro zu Buche. Die aktuellen Verluste liegen damit erheblich höher – obwohl es keinen klassischen Wirtschaftscrash gab.

Stattdessen erlebt Deutschland seit Jahren eine faktische Seitwärtsbewegung. Die gesamtwirtschaftliche Leistung konnte auch 2025 das Niveau von 2019 kaum übertreffen. Nach amtlichen Daten legte das Bruttoinlandsprodukt zuletzt real lediglich um 0,2 Prozent zu. Für das IW ist diese anhaltende Schwäche der zentrale Treiber der hohen kumulierten Verluste.

Wie die Verluste berechnet werden

Um das Ausmaß der Einbußen zu bestimmen, stellt die Analyse den tatsächlichen Konjunkturverlauf einem hypothetischen Szenario gegenüber. In dieser kontrafaktischen Betrachtung wird unterstellt, dass es weder die Pandemie noch den Krieg in der Ukraine oder die handelspolitischen Verwerfungen gegeben hätte. Die Wirtschaft hätte sich demnach entlang ihres langfristigen Trends weiterentwickelt, orientiert am durchschnittlichen Wachstum der Jahre 1991 bis 2019.

Ein bloßer Vergleich mit dem Niveau von 2019 würde die Verluste unterschätzen. Denn ohne die Krisen wäre die Wirtschaftsleistung nicht stehen geblieben, sondern weiter gewachsen. Erst die Differenz zwischen dieser angenommenen Entwicklung und der realen Stagnation macht sichtbar, wie viel Wertschöpfung entgangen ist.

Corona als Ausgangspunkt der Schwäche

Den größten initialen Einschnitt brachte die Pandemie. Im Jahr 2020 verzeichnete die deutsche Wirtschaft einen Verlust von rund 185 Milliarden Euro. Mehr als die Hälfte davon entfiel auf das zweite Quartal, als weite Teile von Produktion, Handel und Dienstleistungen zeitweise zum Erliegen kamen. Auch 2021 blieb die Erholung unvollständig. Einschränkungen, Lieferengpässe und anhaltende Unsicherheit führten zu weiteren Einbußen von etwa 100 Milliarden Euro.

Bereits in diesen beiden Jahren summierten sich die überwiegend pandemiebedingten Verluste auf fast 300 Milliarden Euro. Gleichzeitig verschoben sich Investitionen, Konsum und strukturelle Anpassungen in die Zukunft – mit Folgen für die kommenden Jahre.

Krieg, Energie und geopolitische Unsicherheit

Ab 2022 überlagerten neue Faktoren die wirtschaftliche Entwicklung. Der Krieg in der Ukraine löste einen massiven Energieschock aus, der insbesondere Industrie und Mittelstand belastete. Steigende Preise, unterbrochene Lieferketten und geopolitische Unsicherheit dämpften die wirtschaftliche Dynamik. Für 2022 schätzt das IW den Wertschöpfungsverlust auf rund 75 Milliarden Euro.

In den Folgejahren verstärkte sich der Effekt der Stagnation. Weil die reale Wirtschaftsleistung kaum wuchs, während der unterstellte Trend weiter anstieg, öffnete sich die Lücke zunehmend. Für 2023 beziffert die Analyse den Verlust auf etwa 140 Milliarden Euro, für 2024 auf deutlich über 200 Milliarden Euro.

2025 als teuerstes Krisenjahr

Den bisherigen Höhepunkt erreichte die Belastung im Jahr 2025. Neue handelspolitische Konflikte mit den USA, ausgelöst durch eine konfrontative Wirtschaftspolitik, trafen eine ohnehin fragile Konjunktur. Der geschätzte Wertschöpfungsverlust belief sich auf rund 235 Milliarden Euro. Damit entfällt etwa ein Viertel des gesamten Schadens seit 2020 auf dieses eine Jahr.

Diese Konzentration zeigt, wie sehr sich die Krisen nicht abgelöst, sondern gegenseitig verstärkt haben. Die Anpassungslasten nahmen zu, während die Wirtschaft kaum Spielraum für Aufholbewegungen hatte.

Spürbare Folgen für Unternehmen und Staat

Fast eine Billion Euro weniger Wirtschaftsleistung bleibt nicht folgenlos. Geringere Wertschöpfung bedeutet weniger Spielraum für Löhne, Investitionen und staatliche Einnahmen. Gleichzeitig steigen die Ausgaben für Energie, Sicherheit und soziale Sicherung. Umgerechnet entspricht der kumulierte Verlust je Erwerbstätigem rund einem Fünftel der durchschnittlichen Jahresleistung einer beschäftigten Person in diesem Zeitraum.

Für IW-Forscher Michael Grömling ist die Bilanz ein Warnsignal. Die deutsche Wirtschaft stehe unter einer Belastung, die frühere Krisen deutlich übertreffe. Stabilität und verlässliche Institutionen blieben zwar ein Standortvorteil. Doch ohne spürbare Impulse droht die Phase der Stagnation zum dauerhaften Problem zu werden.

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