Hausärzte kritisieren Pläne zur Abschaffung telefonischer Krankschreibungen
Der Krankenstand in Deutschland bewegt sich weiterhin auf einem außergewöhnlich hohen Niveau. Nach Daten der DAK-Gesundheit fehlten Beschäftigte im Jahr 2025 im Durchschnitt 19,5 Kalendertage wegen Krankheit. Zwar bedeutet das einen leichten Rückgang gegenüber dem Vorjahr, doch von einer Entspannung kann keine Rede sein. Atemwegserkrankungen, psychische Leiden und Probleme des Muskel-Skelett-Systems prägen das Bild. Parallel dazu hat sich die politische Diskussion verschärft – mit Forderungen nach strengeren Regeln und der erneuten Infragestellung der telefonischen Krankschreibung.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat den Krankenstand öffentlich kritisiert und Zweifel an der Notwendigkeit von fast drei Wochen Krankschreibung pro Jahr geäußert. Im Zentrum seiner Argumentation steht der erleichterte Zugang zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Telefon. Unterstützung erhält er aus Teilen der Union. Auch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken kündigte an, die bestehenden Regelungen überprüfen zu lassen, um möglichen Missbrauch zu begrenzen.
Solche Vorstöße sind nicht neu. Bereits in der Vergangenheit wurden steigende Fehlzeiten regelmäßig mit strukturellen Änderungen im Gesundheitssystem verknüpft. Der aktuelle Anstieg liefert der Debatte neue Nahrung – doch die statistische Entwicklung ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint.
Statistik mit Bruchstellen
Tatsächlich haben sich die gemeldeten Krankheitstage seit 2021 deutlich erhöht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stieg die Zahl der Fehltage pro Arbeitnehmer von 11,2 Werktagen auf 14,8 im Jahr 2024. Ein zentraler Faktor dabei ist die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Seitdem werden Krankschreibungen direkt an die Krankenkassen übermittelt. Frühere Meldebrüche, bei denen Bescheinigungen nicht vollständig weitergegeben wurden, entfallen.
Diese Umstellung fiel zeitlich mit der dauerhaften Einführung der telefonischen Krankschreibung zusammen, die aus der Corona-Pandemie hervorging. Die Überlagerung beider Effekte erschwert eine klare Zuordnung. Fachleute aus dem ärztlichen Bereich weisen seit Jahren darauf hin, dass ein erheblicher Teil des Anstiegs auf die vollständigere Erfassung zurückzuführen ist – nicht auf ein verändertes Krankmeldeverhalten.
International auffällig, wirtschaftlich relevant
Unabhängig davon bleibt der Krankenstand in Deutschland hoch, auch im internationalen Vergleich. Zwar sind länderübergreifende Vergleiche wegen unterschiedlicher Erfassungsmethoden nur eingeschränkt möglich. Dennoch gilt als unstrittig, dass die Fehlzeiten hierzulande überdurchschnittlich sind. Ökonomen verweisen auf spürbare Folgen für Unternehmen: höhere Kosten, organisatorische Belastungen und eine zusätzliche Verschärfung des Fachkräftemangels. In Kombination mit bestehenden arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen sehen einige Experten darin einen Standortnachteil.
Medizinische Gründe gewinnen an Gewicht
Gleichzeitig hat sich das Krankheitsspektrum verändert. Nach der Pandemie nahm die Zahl der Atemwegserkrankungen deutlich zu und trug wesentlich zum Anstieg der Krankmeldungen in den Jahren 2022 und 2023 bei. Hinzu kommt eine wachsende Bedeutung psychischer Erkrankungen. Diese führen zwar seltener zu kurzen Ausfällen, verursachen jedoch überdurchschnittlich lange Fehlzeiten.
Krankenkassenberichte zeigen, dass Langzeiterkrankungen zwar nur einen kleinen Teil der Fälle ausmachen, aber einen erheblichen Anteil der gesamten Fehltage erklären. Verbesserte Diagnostik und ein höheres gesellschaftliches Bewusstsein haben dazu geführt, dass psychische Belastungen häufiger erkannt und behandelt werden – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Statistik.
Telefonische Krankschreibung unter Beschuss
Die politische Aufmerksamkeit richtet sich dennoch stark auf die telefonische Krankschreibung. Kritiker sehen in ihr ein Einfallstor für Missbrauch. Ärztliche Verbände widersprechen entschieden. Auswertungen mehrerer Krankenkassen zeigen, dass nur ein sehr kleiner Anteil der Krankschreibungen telefonisch erfolgt. Zudem ist die Regelung eng begrenzt: Sie gilt nur für leichte Erkrankungen, setzt eine bekannte Patientenbeziehung voraus und ist zeitlich auf wenige Tage beschränkt.
Hausärzte warnen vor den praktischen Folgen einer Abschaffung. Mehr Patientenkontakte in den Praxen würden nicht nur die Arbeitsbelastung erhöhen, sondern auch das Ansteckungsrisiko in Wartezimmern steigern. Aus ihrer Sicht würde zusätzlicher bürokratischer Aufwand entstehen, ohne die Fehlzeiten messbar zu senken.
Ansätze jenseits der Symbolpolitik
Stattdessen rücken alternative Lösungsansätze in den Fokus. Diskutiert werden etwa Video-Krankschreibungen, die eine bessere medizinische Einschätzung ermöglichen sollen. Vor allem aber gewinnt das Konzept der teilweisen oder gestuften Krankschreibung an Bedeutung. Dabei könnten Beschäftigte bei leichten Erkrankungen für einen Teil des Tages arbeiten, ohne ihre Genesung zu gefährden.
Auch Vertreter der Krankenkassen plädieren für eine breitere Ursachenanalyse. Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit, fordert einen strukturierten Dialog zwischen Politik, Arbeitgebern, Gewerkschaften und Medizin. Sein Ansatz zielt weniger auf kurzfristige Einschränkungen als auf neue Modelle der Wiedereingliederung und flexiblere Lösungen bei längeren Ausfällen.
Die Debatte um den Krankenstand zeigt, wie schnell komplexe Entwicklungen auf einzelne Instrumente reduziert werden. Die Datenlage spricht jedoch gegen einfache Erklärungen. Wer die Fehlzeiten nachhaltig senken will, muss medizinische, statistische und arbeitsorganisatorische Faktoren zusammendenken. Die telefonische Krankschreibung ist dabei eher ein Randaspekt – die eigentlichen Hebel liegen bei Prävention, früher Behandlung und einer besseren Rückkehr in den Arbeitsalltag.