Handwerk gewinnt beim Nachwuchs: Hoffnung auf Sicherheit im Zeitalter der KI

Während viele Unternehmen bei Neueinstellungen und Ausbildungsplätzen vorsichtiger werden, entwickelt sich das Handwerk gegen den allgemeinen Trend. In Baden-Württemberg steigt die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge, und auch bundesweit entscheiden sich wieder mehr junge Menschen für handwerkliche Berufe. Neben guten Beschäftigungsperspektiven dürfte dabei zunehmend eine Rolle spielen, dass sich praktische Tätigkeiten bislang deutlich weniger leicht durch künstliche Intelligenz ersetzen lassen als viele Aufgaben im Büro.

Ausbildungsmarkt verliert an Dynamik

Der Ausbildungsstart 2026 fällt in eine wirtschaftlich schwierige Phase. In Baden-Württemberg wurden nach Angaben der Industrie- und Handelskammer bis zum 26. August 31.413 neue Ausbildungsverträge registriert. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Rückgang um neun Prozent. Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in technischen Berufen.

Bei angehenden Fachinformatikern liegt die Zahl der Neuverträge rund 19 Prozent unter dem Vorjahresniveau, in der Elektrotechnik beträgt das Minus 15,6 Prozent. Auch kaufmännische Ausbildungsberufe verzeichnen Rückgänge, während sich die Bereiche Banken, Hotels und Gastronomie stabiler entwickeln.

Parallel dazu ist das Angebot insgesamt kleiner geworden. Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnet in Baden-Württemberg 65.010 Ausbildungsstellen und damit rund zehn Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Ende August waren dennoch 17.520 Stellen unbesetzt. Ihnen standen 11.690 Jugendliche gegenüber, die noch nach einem Ausbildungsplatz suchten.

Die Zahlen zeigen ein strukturelles Problem: Angebot und Nachfrage finden trotz eines erheblichen Fachkräftebedarfs nicht ausreichend zusammen. Nach Angaben der IHK fehlen in Baden-Württemberg rund 143.000 Fachkräfte. Sinkende Ausbildungszahlen könnten diese Lücke in den kommenden Jahren zusätzlich vergrößern.

Das Handwerk entwickelt sich gegen den Trend

Ausgerechnet das Handwerk hebt sich von dieser Entwicklung ab. In Baden-Württemberg wurden drei Prozent mehr Lehrverträge abgeschlossen als 2025. Im Raum Karlsruhe fällt der Zuwachs noch erheblich stärker aus. Dort beginnen im September mehr als 2.200 junge Menschen eine handwerkliche Ausbildung. Das entspricht gegenüber dem Vorjahr einem Plus von rund 15 Prozent.

Auch bundesweit zeigt sich eine positive Entwicklung. Rund 67.800 junge Menschen schlossen im ersten Halbjahr 2026 einen neuen Ausbildungsvertrag im Handwerk ab. Damit lag die Zahl 4,9 Prozent über dem entsprechenden Vorjahreswert. Die Ausbildungszahlen steigen dort bereits seit mehreren Jahren.

Besonders gefragt sind Berufe rund um Energie und Gebäudetechnik. Dazu zählen Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik ebenso wie verschiedene Fachrichtungen der Elektronik. Im Raum Karlsruhe gehören bei jungen Männern außerdem Kfz-Mechatroniker zu den besonders beliebten Ausbildungsberufen. Bei jungen Frauen liegen unter anderem Friseurhandwerk, Augenoptik und der Verkauf im Lebensmittelhandwerk vorn.

Trotz steigender Ausbildungszahlen bleibt der Nachwuchsbedarf groß. Freie Lehrstellen gibt es weiterhin in zahlreichen Gewerken, darunter im Elektro- und SHK-Handwerk sowie in Bau- und Ausbaugewerken. In der Region Karlsruhe können Interessierte selbst nach dem offiziellen Ausbildungsstart noch in eine Ausbildung einsteigen.

Abitur führt nicht automatisch an die Hochschule

Bemerkenswert ist auch, welche Schulabschlüsse die neuen Auszubildenden mitbringen. Nach Angaben der Handwerkskammer Karlsruhe verfügen rund 17 Prozent der Auszubildenden über Abitur oder Fachhochschulreife. Der klassische Weg von der Hochschulzugangsberechtigung direkt an eine Universität oder Fachhochschule ist damit längst nicht für alle selbstverständlich.

Für das Handwerk eröffnet diese Entwicklung zusätzliche Möglichkeiten bei der Nachwuchsgewinnung. Die Branche umfasst rund 130 Ausbildungsberufe und bietet damit ein breites Spektrum an Tätigkeiten. Gleichzeitig hat sich das Berufsbild in vielen Gewerken technisch weiterentwickelt. Digitale Werkzeuge, Robotik und künstliche Intelligenz halten auch dort Einzug und verändern Arbeitsabläufe.

Hinzu kommt ein unmittelbarer Aspekt handwerklicher Arbeit: Am Ende eines Arbeitstages steht häufig ein konkretes, sichtbares Ergebnis. Gerade die Verbindung aus technischer Kompetenz, praktischer Tätigkeit und gestalterischen Aufgaben kann eine Alternative zu stärker theoretisch ausgerichteten Bildungswegen darstellen.

KI verändert die Wahrnehmung von Berufssicherheit

Die zunehmende Verbreitung künstlicher Intelligenz könnte diesen Trend zusätzlich verstärken. Besonders kaufmännische und administrative Tätigkeiten enthalten zahlreiche standardisierte Aufgaben, die sich automatisieren lassen. Bis 2030 wollen laut einer Umfrage der Beratung Kienbaum 35 Prozent der befragten Personalverantwortlichen aufgrund von KI weniger Berufseinsteiger einstellen.

Handwerkliche Tätigkeiten sind davon anders betroffen. KI und digitale Technik können Arbeitsprozesse unterstützen, die physische Tätigkeit auf Baustellen oder in Werkstätten jedoch nicht ohne Weiteres übernehmen. Für junge Menschen, die vor einer langfristigen Berufsentscheidung stehen, kann diese geringere Automatisierbarkeit zu einem wichtigen Argument werden.

Gleichzeitig trifft dieser Faktor auf einen angespannten Arbeitsmarkt für Berufseinsteiger. Der Anteil der 20- bis 24-Jährigen, die weder beschäftigt noch in Ausbildung sind, ist nach Daten des Statistischen Bundesamts von 8,8 Prozent im Jahr 2022 auf zehn Prozent im vergangenen Jahr gestiegen.

Nachwuchsgewinnung bleibt eine Aufgabe für die Betriebe

Der positive Trend bedeutet allerdings nicht, dass jeder Handwerksbetrieb ausreichend Bewerbungen erhält. Während einzelne Unternehmen inzwischen aus einer großen Zahl von Interessenten auswählen können, finden andere weiterhin nur schwer geeignete Auszubildende. Entscheidend ist deshalb zunehmend, wie sichtbar Betriebe für junge Menschen sind.

Unternehmen setzen dafür auf soziale Netzwerke, Ausbildungs- und Jobmessen sowie direkte Kontakte zu Schulen. Gleichzeitig muss das Handwerk Zielgruppen erschließen, die bislang unterrepräsentiert sind. Das gilt insbesondere für Frauen. Ihr Anteil liegt in den Handwerksbetrieben bei etwa einem Drittel, unter den Auszubildenden jedoch lediglich bei 14 Prozent.

Damit zeigt der Ausbildungsstart 2026 ein zweigeteiltes Bild. Während die Zahl neuer Ausbildungsverträge in Teilen der Wirtschaft deutlich zurückgeht, gewinnt das Handwerk Nachwuchs hinzu. Gute Beschäftigungsperspektiven, technische Veränderungen und die vergleichsweise geringe Automatisierbarkeit vieler praktischer Tätigkeiten verschieben dabei offenbar die Wahrnehmung beruflicher Ausbildung. Für eine Wirtschaft, die bereits heute mit einem erheblichen Fachkräftebedarf konfrontiert ist, könnte diese Entwicklung weit über das Handwerk hinaus an Bedeutung gewinnen.

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