Große Mehrheit hat keine Interesse an chinesischen E-Autos
Der Aufstieg chinesischer Elektroautohersteller wird weltweit aufmerksam verfolgt. Während die heimische Nachfrage in China in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist, stößt der Export der Fahrzeuge nach Europa und Nordamerika auf Zurückhaltung. Eine internationale Umfrage der Boston Consulting Group (BCG) zeigt, wie groß die Vorbehalte in den einzelnen Märkten sind und wo dennoch Chancen für die chinesischen Produzenten bestehen.
In Deutschland erwägt derzeit nur etwa jeder sechste Verbraucher, den Kauf eines chinesischen Elektroautos in Betracht zu ziehen. 16 Prozent der Befragten zeigten sich offen für ein solches Modell. Im Umkehrschluss lehnt eine deutliche Mehrheit von rund 83 Prozent die Anschaffung ab. Diese Zurückhaltung ist nicht allein ein deutsches Phänomen, doch fällt sie hier besonders stark ins Gewicht, da Deutschland nach wie vor einer der bedeutendsten Automobilmärkte der Welt ist. Verglichen mit anderen europäischen Ländern liegt die deutsche Offenheit allerdings leicht über dem Durchschnitt. In Großbritannien lag die Zustimmungsrate bei 15 Prozent, in Italien bei 14 Prozent und in den Niederlanden bei lediglich 11 Prozent. Damit bewegen sich die Werte zwar auf niedrigem Niveau, doch zeigen sie zugleich, dass die Skepsis gegenüber Fahrzeugen „Made in China“ europaweit verbreitet ist.
Besonders ausgeprägt ist die Ablehnung in den Vereinigten Staaten. Lediglich sieben Prozent der dort Befragten würden den Kauf eines chinesischen Elektroautos in Erwägung ziehen. Angesichts geopolitischer Spannungen und wirtschaftspolitischer Rivalitäten überrascht dieser Wert kaum, verdeutlicht aber die Hürden, die chinesische Hersteller beim Eintritt in den US-Markt überwinden müssten.
Ganz anders stellt sich die Situation in China selbst dar. Hier ist die Nachfrage nach heimischen Fabrikaten in den vergangenen Jahren stark gestiegen – oftmals auf Kosten ausländischer Marken. Deutsche Premiumhersteller etwa haben Millionen Kunden verloren, da viele Verbraucher mittlerweile chinesische Modelle bevorzugen. Diese Entwicklung zeigt, dass nationale Präferenzen und der Wunsch nach einer Stärkung der eigenen Industrie eine entscheidende Rolle im Kaufverhalten spielen.
Markentreue als Standortfaktor
Ein zentrales Ergebnis der BCG-Studie betrifft die Markentreue. Während in den meisten Ländern nur eine relativ geringe Zahl von Konsumenten angibt, erneut ein Fahrzeug der gleichen Marke kaufen zu wollen, sticht Deutschland als Ausnahme hervor. Rund die Hälfte der deutschen Befragten erklärte, beim nächsten Autokauf wieder auf den bisherigen Hersteller zurückzugreifen – ein Wert, der deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 35 Prozent liegt.
Diese ausgeprägte Loyalität ist für die etablierten Hersteller ein strategischer Vorteil, da sie den Markteintritt neuer Wettbewerber erschwert. Für chinesische Produzenten bedeutet dies, dass sie nicht nur mit Preisargumenten überzeugen müssen, sondern auch das Vertrauen in ihre Marken langfristig aufbauen müssen.
In China wiederum zeigt sich das Gegenteil: Dort liegt die Markentreue auf besonders niedrigem Niveau – lediglich neun Prozent bei Fahrzeugen im unteren Preissegment und 14 Prozent bei hochpreisigen Modellen. Diese Dynamik erklärt, warum heimische Hersteller so schnell Marktanteile gewinnen konnten, während ausländische Anbieter wie die deutschen Premiummarken ihre Position einbüßen mussten.
Präsenz auf der IAA als Signal
Trotz der Skepsis wollen chinesische Unternehmen ihre Sichtbarkeit in Europa weiter erhöhen. Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in München werden zahlreiche chinesische Fabrikate mit neuen Modellen vertreten sein. Der Auftritt gilt als Testfall: Hier können die Hersteller zeigen, ob sie über Design, Technik und Preis-Leistungs-Verhältnis in der Lage sind, das Vertrauen eines kritischen europäischen Publikums zu gewinnen.
Für die deutschen Hersteller bedeutet die Präsenz chinesischer Wettbewerber eine doppelte Herausforderung. Einerseits steigt der Druck auf die Preispolitik, andererseits müssen sie ihre Innovationsfähigkeit im Bereich Elektromobilität unter Beweis stellen, um ihre Stammkundschaft nicht zu verlieren.
Prognosen für den europäischen Markt
Ungeachtet der aktuellen Vorbehalte geht die BCG davon aus, dass die Elektromobilität in Europa in den kommenden Jahren einen entscheidenden Durchbruch erleben wird. Vorausgesetzt, die Europäische Union hält an ihren ambitionierten Klimazielen fest und schwächt ihre regulatorischen Vorgaben nicht ab, könnten bereits 2030 rund 40 Prozent aller in Deutschland verkauften Pkw vollelektrisch sein. Bis 2035 könnte dieser Anteil sogar auf mehr als 90 Prozent steigen.
Damit wird klar: Der Markt wächst schneller, als es viele Skeptiker erwarten. Für die Hersteller – ob etabliert oder neu am Markt – bedeutet dies, dass sie ihre Strategien rasch anpassen müssen. Wer bis Ende des Jahrzehnts nicht über eine überzeugende Elektro-Produktpalette verfügt, läuft Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten.
Die Elektromobilität wird in Europa in den kommenden Jahren an Fahrt gewinnen – daran bestehen kaum Zweifel. Ob chinesische Hersteller daran in relevantem Umfang partizipieren können, hängt jedoch maßgeblich vom Vertrauen der Konsumenten ab. In Deutschland wie in vielen anderen europäischen Ländern ist dieses bislang gering. Für die etablierten Hersteller bietet die ausgeprägte Markentreue ihrer Kunden einen Schutzwall, der ihnen Zeit verschafft. Doch dieser Vorteil ist nicht von Dauer. Sollten chinesische Unternehmen ihre Markenbekanntheit steigern und gleichzeitig mit attraktiven Modellen punkten, könnte die aktuelle Skepsis schnell schwinden.