Frankfurt testet im Kampf gegen Elterntaxis neue Schulstraßen

Die Stadt Frankfurt hat ein Pilotprojekt gestartet, das an mehreren Schulen für spürbar weniger Autoverkehr sorgen soll. Mit gezielten Straßensperrungen vor Unterrichtsbeginn reagiert die Kommune auf ein Problem, das bundesweit für Diskussionen sorgt: das hohe Unfallrisiko rund um sogenannte Elterntaxis. Durch neue Verkehrsregelungen sollen Kinder sicherer zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule gelangen und gleichzeitig Konflikte im morgendlichen Bringverkehr reduziert werden.

Viele Schulen in Frankfurt sind von engen Straßen umgeben, die bereits unter normalen Bedingungen stark ausgelastet sind. Nach Angaben des Mobilitätsdezernenten Wolfgang Siefert liegt genau darin ein zentraler Risikofaktor. Mit der temporären Sperrung der direkten Zufahrtswege möchte die Stadt verhindern, dass Eltern ihre Kinder bis unmittelbar vor das Schultor fahren. Die entscheidende Maßnahme: Eine Stunde vor Unterrichtsbeginn dürfen keine privaten Kraftfahrzeuge mehr passieren.

Damit die gewohnte Flexibilität für Eltern nicht völlig entfällt, wurden in unmittelbarer Nähe bisherige Parkflächen zu zeitlich begrenzten Haltepunkten umgewidmet. Dort dürfen Autos zu den relevanten Zeiten kurz stoppen, ohne den eigentlichen Eingangsbereich der Schulen zu blockieren. An Straßen mit hoher Busfrequenz oder starkem Durchgangsverkehr sei ein solches Modell allerdings nicht praktikabel, wie Siefert betonte.

Ein Jahr Testphase – fünf Schulen machen den Anfang

Das Konzept startet zunächst an vier Grundschulen und einer weiterführenden Schule in Griesheim, Bonames, Sindlingen und Niederrad. Die Pilotphase ist auf ein Jahr angesetzt und wird durch ein externes Ingenieurbüro begleitet. Dieses soll regelmäßig Meinungen von Anwohnern, Lehrkräften, Eltern und Schülerinnen und Schülern einholen und mögliche Verbesserungsansätze identifizieren.

Rund 100.000 Euro stellt die Stadt für das Projekt bereit. Da Rettungs- oder Pflegedienste weiterhin ungehindert passieren müssen, sind die Schranken manuell zu bedienen – eine Aufgabe, die morgens von Eltern oder Schülern übernommen wird. Die Stadt betont daher, dass der Erfolg des Projekts maßgeblich vom Engagement der Schulgemeinschaft abhängt.

Unfallzahlen verdeutlichen Handlungsdruck

Die Zahlen der Unfallkasse Hessen unterstreichen, wie dringend Kommunen auf sichere Mobilitätskonzepte angewiesen sind. Bis Ende Oktober dieses Jahres verunglückten 4.764 Kinder, Schüler und Studierende auf dem Weg zu Bildungseinrichtungen – ein Fall endete tödlich. Besonders alarmierend: Viele Unfälle passieren durch überhöhte Geschwindigkeiten, unübersichtliche Haltesituationen und sorgloses Ein- und Aussteigen aus Elterntaxis.

Jüngst war in Gießen ein elfjähriger Radfahrer auf dem Schulweg tödlich verunglückt – ein Ereignis, das die Diskussion um sichere Schulwege erneut verschärfte. Die Unfallkasse verweist zudem auf strukturelle Probleme wie zu schmale Gehwege oder fehlende Ampeln, die zusätzlich zu riskanten Situationen beitragen.

Unterschiedliche Einschätzungen von Verkehrs- und Sicherheitsexperten

Während zahlreiche Experten das Frankfurter Projekt begrüßen, mahnen einige Fachleute zu einer breiteren Perspektive. Ansgar Hegerfeld vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) bewertet die Schulstraßen deutlich positiv. Aus seiner Sicht gehen die größten Gefahren auf dem Schulweg von den Elternfahrzeugen selbst aus. Eine temporäre Sperrung könne diese Risiken spürbar verringern.

Ähnlich äußert sich der ADAC Hessen-Thüringen: Autofreie Zonen vor Schulen reduzierten Konflikte, die sonst durch dichtes Rangieren, spontanes Stoppen oder unübersichtliches Wenden entstehen.

Unfallforscher Siegfried Brockmann von der Björn-Steiger-Stiftung sieht den Nutzen ebenfalls, weist jedoch auf einen blinden Fleck hin: Die meisten Unfälle ereigneten sich nicht unmittelbar vor der Schule, sondern entlang des gesamten Schulwegs. Verbesserungen müssten daher auch an anderen neuralgischen Punkten erfolgen. Brockmann plädiert zusätzlich für mehr Tempo-30-Zonen in Bereichen mit hohem Fuß- und Radverkehrsaufkommen.

Frankfurt knüpft an frühere Pilotprojekte an

Frankfurt ist nicht die einzige Stadt, die solche Maßnahmen testet. Zeitlich begrenzte Straßensperrungen vor Unterrichtsbeginn oder nach Schulschluss existieren bereits in zahlreichen deutschen Kommunen, darunter Köln. Auch Frankfurt selbst hat schon Erfahrungen gesammelt: Zwei Pilotprojekte liefen in den vergangenen Jahren, deren Erkenntnisse nun in die neue Testphase eingeflossen sind.

Parallel dazu zeigt die Unfallstatistik des hessischen Innenministeriums, dass die Zahl schwer verletzter Schüler langfristig zurückgeht – von 40 Fällen im Jahr 2014 auf nur noch 15 im vergangenen Jahr. Dennoch sehen Experten keine Entwarnung, da die absolute Zahl der Schulwegunfälle weiterhin hoch bleibt.

Ein Balanceakt zwischen Verkehrssicherheit und Alltagstauglichkeit

Für die Stadt Frankfurt steht fest: Ohne eine breite Beteiligung von Eltern, Lehrkräften und Lernenden lässt sich das Projekt nicht dauerhaft etablieren. Kritisch bleibt zudem die Frage, wie gut die Umleitung des Bringverkehrs funktioniert und ob die neuen Haltezonen ausreichend Kapazitäten bieten.

Ob die Schulstraßen dauerhaft eingeführt oder später ausgeweitet werden, hängt vom Ergebnis der Evaluation ab. Sollte sich zeigen, dass die Maßnahmen Konflikte reduzieren und die Selbstständigkeit der Kinder stärken, könnte Frankfurt zum Vorbild für weitere Kommunen werden.

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