Fachkräftemangel so gering wie seit fünf Jahren nicht mehr
Der Druck auf dem deutschen Arbeitsmarkt lässt spürbar nach. Im Januar meldeten 22,7 Prozent der Unternehmen, dass ihnen qualifizierte Arbeitskräfte fehlen. Das ist der niedrigste Wert seit fünf Jahren. Noch im Oktober 2025 lag der Anteil bei 25,8 Prozent. Die jüngste Auswertung des Münchner Ifo-Instituts zeigt damit eine deutliche Entspannung – allerdings aus Gründen, die kaum Anlass zu Euphorie geben.
Nach Einschätzung der Forscher trägt die schwache wirtschaftliche Entwicklung maßgeblich zum Rückgang bei. Eine gedämpfte Nachfrage führt dazu, dass Betriebe vorsichtiger einstellen oder offene Stellen gar nicht erst schaffen. Parallel verändert der technologische Fortschritt, insbesondere der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz, die Anforderungen an Arbeitskräfte. Tätigkeiten wandeln sich, Qualifikationsprofile verschieben sich.
Deutlicher Rückgang in Logistik und Industrie
Am stärksten zeigt sich die Entlastung im Bereich Transport und Logistik. Dort sank der Anteil der Unternehmen mit Personalengpässen binnen eines Quartals von 42,7 auf 30,6 Prozent. Der Rückgang um mehr als zwölf Prozentpunkte signalisiert eine spürbare Abkühlung.
Auch in der Industrie hat sich die Lage leicht verbessert. 16,6 Prozent der Betriebe berichten noch von fehlenden Fachkräften, ein halber Prozentpunkt weniger als im Herbst. Besonders gering ist der Mangel im Automobilsektor sowie bei Herstellern elektrischer Ausrüstungen, wo die Werte jeweils knapp unter zehn Prozent liegen. Der Maschinenbau bleibt mit rund 19 Prozent dagegen über dem industriellen Durchschnitt.
Im Handel entspannt sich die Situation ebenfalls, wenn auch moderat. Insgesamt geben rund 18 Prozent der Unternehmen an, offene Stellen nur schwer besetzen zu können. Im Einzelhandel liegt der Anteil bei 21,6 Prozent, im Großhandel bei 16,2 Prozent.
Anders stellt sich die Lage im Bauhauptgewerbe dar. Hier meldet nahezu jedes dritte Unternehmen weiterhin Engpässe. Mit 30,4 Prozent bleibt der Wert vergleichsweise hoch, trotz konjunktureller Abkühlung in der Branche.
Dienstleister unter besonderem Druck
Im Dienstleistungssektor berichtet insgesamt etwa jedes vierte Unternehmen von Fachkräftemangel. Hinter diesem Durchschnitt verbergen sich deutliche Unterschiede. Besonders angespannt ist die Situation bei Rechts- und Steuerberatern, von denen 58,4 Prozent über fehlendes Personal klagen. Auch Zeitarbeitsfirmen sind mit 56,6 Prozent stark betroffen.
Die Zahlen verdeutlichen, dass der Rückgang nicht flächendeckend gleich stark ausfällt. Während einige Branchen von der konjunkturellen Schwäche unmittelbar entlastet werden, bleibt der Wettbewerb um qualifizierte Beschäftigte in spezialisierten Bereichen hoch.
Konjunktur als Bremse, KI als Treiber
Die aktuelle Entspannung ist nach Einschätzung der Ökonomen vor allem zyklisch bedingt. Wenn Aufträge fehlen, sinkt auch der Bedarf an zusätzlichem Personal. Damit reduziert sich kurzfristig der Druck auf dem Arbeitsmarkt.
Gleichzeitig gewinnt der technologische Wandel an Bedeutung. Der Einsatz künstlicher Intelligenz verändert Arbeitsprozesse und Kompetenzanforderungen. Tätigkeiten werden automatisiert oder neu strukturiert, andere entstehen neu. Unternehmen suchen verstärkt nach technologie- und datenbezogenen Qualifikationen, während klassische Profile an Bedeutung verlieren können.
Das Ifo-Institut warnt deshalb vor voreiligen Schlussfolgerungen. Der niedrigere Anteil klagender Unternehmen bedeute nicht, dass das strukturelle Problem gelöst sei. Die demografische Entwicklung verschärft die Lage: Eine alternde Bevölkerung trifft auf einen tiefgreifenden Umbau der Arbeitswelt. Dadurch verschiebt sich die Nachfrage nach bestimmten Fähigkeiten weiter.
Wachstumsperspektiven unter Druck
Die strukturelle Dimension des Problems reicht über einzelne Branchen hinaus. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, hatte bereits darauf hingewiesen, dass fehlende Arbeitskräfte die langfristigen Wachstumsmöglichkeiten Deutschlands begrenzen. Ohne ausreichend qualifiziertes Personal seien die Wachstumsraten früherer Jahre kaum erreichbar. Internationale Organisationen bewerten die langfristigen Aussichten der deutschen Wirtschaft entsprechend verhalten.
Die aktuelle Entspannung beim Fachkräftemangel relativiert diese Einschätzungen nicht. Vielmehr spiegelt sie eine Phase wirtschaftlicher Schwäche wider. Sollte die Konjunktur wieder anziehen, dürfte auch der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften erneut steigen.
Strukturwandel mit gegenläufigen Effekten
Wie komplex die Lage ist, zeigt der Blick nach Bayern. Dort gingen im vergangenen Jahr rund 25.000 Industriearbeitsplätze verloren. Gleichzeitig sind etwa 110.000 Stellen unbesetzt. Der demografische Wandel trägt dazu bei: Viele ältere Beschäftigte scheiden aus dem Erwerbsleben aus, während weniger junge Fachkräfte nachrücken.
Einzelne Unternehmen berichten von erheblichen Besetzungsproblemen. Zugleich entstehen in anderen Bereichen neue Jobs. Bis 2028 sollen in der IT 58.000 zusätzliche Stellen geschaffen werden, im Gesundheitswesen 42.000. Dennoch sind aktuell rund 310.000 Menschen in Bayern arbeitslos gemeldet. Besonders betroffen sind Regionen mit starker Präsenz von Autozulieferern.
Der Arbeitsmarkt zeigt damit gegenläufige Trends. Während einige Betriebe Personal abbauen, suchen andere händeringend nach qualifizierten Kräften. Auch die Rüstungsbranche verzeichnet derzeit einen Aufschwung, kann jedoch die Verluste in anderen Industriezweigen nicht vollständig ausgleichen. Vertreter der Industrie- und Handelskammer betonen, dass ein flexibler Arbeitsmarkt entscheidend sei, um diesen Wandel zu bewältigen.