Einzelhandel wünscht sich europäische Alternativen zu PayPal

Der digitale Zahlungsverkehr erlebt derzeit eine Phase der Unsicherheit und des Umbruchs. Anlass dafür sind nicht nur die jüngsten Sicherheitsprobleme bei PayPal, sondern auch die wachsende Abhängigkeit des europäischen Handels von US-amerikanischen Zahlungsdienstleistern. Während der Einzelhandel den Aufbau alternativer Systeme fordert, versuchen Banken und Politik, mit Projekten wie Wero oder dem digitalen Euro neue Strukturen zu schaffen. Doch ob diese Vorhaben rechtzeitig die nötige Akzeptanz erreichen, bleibt fraglich.

Die jüngste Störung bei PayPal hat die Schwachstellen im internationalen Zahlungsverkehr offengelegt. Mehrere deutsche Banken hatten milliardenschwere Lastschriften des US-Konzerns blockiert, nachdem verdächtige Transaktionen unbemerkt durch dessen Sicherheitssystem gerutscht waren. Betroffene Nutzer sahen ihre Konten im Minus, während Banken Zahlungen in Milliardenhöhe vorsorglich einfrieren mussten. Der Branchenverband Deutsche Kreditwirtschaft sprach von einer notwendigen Schutzmaßnahme, um Verbraucher vor finanziellen Schäden zu bewahren.

Für viele Kundinnen und Kunden war die Störung ein Schock, denn PayPal gilt seit Jahren als Synonym für bequemes und sicheres Online-Shopping. Doch gerade dieser Vorfall zeigte, wie sehr der Zahlungsverkehr leidet, wenn wenige Anbieter den Markt dominieren.

Der Einzelhandel pocht auf Wettbewerb

Auch der Handelsverband Deutschland (HDE) sieht die wachsende Marktmacht von PayPal und anderen US-Konzernen kritisch. Die hohen Transaktionskosten, die für Händler mit jeder Zahlung verbunden sind, belasten den Wettbewerb und schmälern die Margen. Der HDE betont, dass neue Anbieter vom Handel akzeptiert würden, sofern sie effizientere Abwicklungen bei gleicher oder besserer Leistung garantieren. Besonders bei grenzüberschreitenden Transaktionen innerhalb Europas gebe es großes Potenzial, sofern die Verfahren standardisiert und anbieterneutral gestaltet sind.

Aus diesem Grund unterstützt der Verband ausdrücklich die europäischen Bemühungen rund um Echtzeit-Überweisungen und den geplanten digitalen Euro. Beides könnte zu einer Infrastruktur führen, die nicht von einzelnen Unternehmen dominiert wird, sondern durch das Eurosystem neutral betrieben wird.

Wero – Europas große Hoffnung?

Die von der European Payments Initiative (EPI) ins Leben gerufene Plattform Wero soll langfristig eine Antwort auf PayPal werden. Hinter dem Projekt stehen zahlreiche Großbanken aus Deutschland, Frankreich und Belgien, darunter Sparkassen, Volksbanken und die Postbank. Die Funktionsweise unterscheidet sich dabei von PayPal: Das Geld wird direkt von einem Konto zum anderen überwiesen, ohne dass ein zwischengeschaltetes Guthabenkonto nötig ist.

Bislang ist Wero jedoch nur eingeschränkt nutzbar. Privatpersonen können Freunden Geld senden oder Dienstleistungen kleiner Anbieter bezahlen – ein Yogakurs oder Nachhilfe lassen sich so unkompliziert abrechnen. Im klassischen Handel, ob stationär oder online, ist die Zahlungsmöglichkeit erst ab 2026 vorgesehen. Kritiker sehen darin ein ernstes Risiko: Wer zu spät auf den Markt tritt, könnte die kritische Masse an Nutzern nicht mehr erreichen, da PayPal längst etabliert ist. Mehr als 30 Millionen Deutsche verfügen bereits über ein PayPal-Konto, während Wero in Deutschland erst rund 1,8 Millionen Nutzer zählt – wenn auch mit steigender Tendenz durch Partnerbanken wie ING oder die Deutsche Bank.

Internationale Vorbilder und Konkurrenz

Wie ein europäisches Zahlungssystem erfolgreich etabliert werden kann, zeigt die Schweiz mit Twint. Die 2017 gestartete Lösung ist heute mit über 80 Prozent Marktakzeptanz im stationären und Online-Handel praktisch Standard. Twint erlaubt neben dem Bezahlen im Geschäft auch Transaktionen zwischen Privatpersonen und gilt als eng mit den Bankkonten der Nutzer verknüpft. PayPal spielt in der Schweiz dagegen kaum eine Rolle. Dieses Modell gilt als Beleg dafür, dass eine nationale oder europäische Lösung durchaus erfolgreich sein kann, wenn sie konsequent in den Alltag integriert wird.

Neben Twint ist auch Klarna als internationaler Wettbewerber zu nennen. Das schwedische Unternehmen hat sich zwar mit seinem „Buy now, pay later“-Modell einen Namen gemacht und bietet Sofortüberweisungen an, doch fehlt die Möglichkeit, Geld zwischen Privatpersonen direkt zu transferieren. Damit bleibt Klarna eine Ergänzung, aber keine vollwertige PayPal-Alternative.

PayPal drängt an die Ladenkassen

Parallel zu diesen Entwicklungen versucht PayPal, seine Marktstellung weiter auszubauen. Der Konzern bewirbt aktuell in Deutschland die Möglichkeit, auch an stationären Kassen mit der App zu bezahlen. Dafür nutzt PayPal die jüngst durch EU-Druck geöffnete NFC-Schnittstelle von Apple, die nun auch anderen Anbietern als Apple Pay zur Verfügung steht.

Kunden können mit PayPal künftig an allen Akzeptanzstellen von Mastercard zahlen. Für Verbraucher klingt das komfortabel, doch im Detail ergeben sich Einschränkungen. Funktioniert eine Kasse nicht mit Mastercard, scheitert auch die PayPal-Zahlung. Zudem sind die Transaktionskosten für Händler in der Regel höher als bei der Girocard, was die Attraktivität aus wirtschaftlicher Sicht schmälert. Ergänzt wird das Angebot durch die Möglichkeit, direkt im Geschäft Ratenkredite über PayPal abzuschließen. Allerdings verlangt der Anbieter dafür hohe Zinsen, sodass Verbraucher genau abwägen müssen, ob sich diese Form der Finanzierung lohnt.

Der Wandel im Zahlungsverhalten der Deutschen spielt PayPal zusätzlich in die Karten. Laut EHI-Studien wurden 2024 bereits 63,5 Prozent der Umsätze im Einzelhandel unbar abgewickelt, Tendenz steigend. Fast 13 Prozent aller bargeldlosen Zahlungen liefen über Smartphones – ein Bereich, in dem PayPal mit seiner App punktet. Mit gezielten Werbekampagnen, die das Bargeld als Relikt vergangener Zeiten darstellen, versucht der Konzern, seine Marke auch emotional zu verankern.

Der Vorfall um blockierte PayPal-Lastschriften hat die Diskussion über die Abhängigkeit Europas von US-Zahlungsdienstleistern neu entfacht. Während der Handel mehr Wettbewerb und niedrigere Kosten fordert, arbeiten Banken und Politik an Alternativen wie Wero oder dem digitalen Euro. Internationale Beispiele wie Twint zeigen, dass solche Systeme erfolgreich sein können – vorausgesetzt, sie erreichen rechtzeitig die notwendige Verbreitung.

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