Deutschlandticket verliert an Schwung – Fahrgastzahlen stagnieren
Der Aufschwung bei den Fahrgastzahlen im deutschen Nahverkehr hat an Dynamik verloren. Nachdem das Deutschlandticket im Jahr 2023 für einen deutlichen Anstieg der Nutzung von Bus und Bahn gesorgt hatte, fällt die Entwicklung inzwischen verhaltener aus. Neue Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass der Boom, der mit der Einführung des bundesweiten Nahverkehrstickets begann, inzwischen weitgehend abgeflacht ist.
Im ersten Halbjahr dieses Jahres verzeichnete der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ein Passagierplus von lediglich einem Prozent. Damit nutzten rund 5,7 Milliarden Menschen Busse, Straßenbahnen und Regionalzüge – ein marginaler Zuwachs, der in deutlichem Kontrast zu den zweistelligen Steigerungsraten der Vorjahre steht. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr 2023 stieg die Zahl der Fahrgäste noch um zehn Prozent, im Jahr 2024 immerhin um sieben Prozent.
Die Statistik zeigt zudem, dass sich die Zuwächse ungleich verteilen. Im Nahverkehr mit Eisenbahnen wuchs die Zahl der Passagiere um ein Prozent auf 1,4 Milliarden, während Busse mit 2,6 Milliarden Fahrgästen immerhin einen Anstieg von zwei Prozent verbuchten. Die Straßenbahnen legten leicht auf rund zwei Milliarden Nutzer zu. Der Großteil des Linienverkehrs in Deutschland entfällt weiterhin auf den ÖPNV, der 99 Prozent des gesamten Verkehrsaufkommens ausmacht.
Fernverkehr profitiert vom Ende der Streiks
Deutlich besser entwickelte sich der Fernverkehr, auch wenn der Effekt teilweise auf ein verzerrtes Vorjahresergebnis zurückzuführen ist. Im ersten Halbjahr nutzten 71 Millionen Menschen die Fernzüge der Bahn – ein Plus von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damals hatten mehrere Arbeitskämpfe der Lokführergewerkschaft GDL für erhebliche Einschränkungen gesorgt, die viele Fahrgäste vom Reisen abhielten.
Im Fernbus-Segment hingegen blieb die Nachfrage nahezu unverändert. Rund fünf Millionen Menschen entschieden sich im ersten Halbjahr für die Reise per Fernbus, was in etwa dem Niveau des Vorjahres entspricht. Insgesamt ergibt sich damit ein Gesamtaufkommen von 76 Millionen Fahrgästen im Fernverkehr mit Bus und Bahn.
Deutschlandticket: Erfolgsmodell mit Wachstumsbremse
Das Deutschlandticket, das im Mai 2023 eingeführt wurde, galt zunächst als Erfolgsgeschichte. Millionen Menschen wechselten vom Auto auf den öffentlichen Nahverkehr oder schlossen neue Abonnements ab. Mittlerweile nutzen nach Branchenangaben rund 14 Millionen Menschen das Ticket, das derzeit monatlich 58 Euro kostet und unbegrenzte Fahrten mit Bussen und Regionalzügen bundesweit ermöglicht.
Allerdings deutet sich an, dass die Preisentwicklung den positiven Trend dämpfen könnte. Ursprünglich war das Ticket mit 49 Euro gestartet, nach kurzer Zeit jedoch auf 58 Euro angehoben worden. Ab 2026 soll es weiter auf 63 Euro steigen, wie die Verkehrsminister der Länder jüngst beschlossen haben. Fahrgastverbände und Verbraucherschützer warnen bereits vor negativen Folgen für die Nutzerzahlen. Denn gerade für Pendlerinnen und Pendler, die zuvor teurere Abos hatten, war das Ticket ein attraktiver Anreiz. Mit steigenden Preisen droht dieser Vorteil zu schwinden.
Belastung für Verkehrsverbünde
Neben den Fahrgästen stehen auch die Verkehrsunternehmen vor Herausforderungen. Zwar hat das Deutschlandticket die Nachfrage angekurbelt, doch finanziell ist es für viele regionale Verbünde nach wie vor ein Verlustgeschäft. Viele der früheren Zeitkarten lagen preislich deutlich über dem jetzigen Angebot, sodass den Betreibern Einnahmen entgehen. Gleichzeitig steigen die Betriebskosten durch Inflation und höhere Energiepreise. Ohne eine stärkere staatliche Unterstützung könnte die Finanzierung des Tickets langfristig zur Belastung für die Branche werden.
Drei Jahre nach dem Start zeigt sich ein ambivalentes Bild: Einerseits hat das Deutschlandticket dazu beigetragen, Millionen Menschen den Zugang zum ÖPNV zu erleichtern und die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel attraktiver zu machen. Andererseits bleibt die erhoffte dauerhafte Wachstumsdynamik bislang aus. Der Rückgang des prozentualen Zuwachses macht deutlich, dass die Sättigungsgrenze schneller erreicht sein könnte, als von Politik und Anbietern erwartet.
Im europäischen Vergleich ist die Nutzung des öffentlichen Verkehrs in Deutschland traditionell hoch, dennoch bleibt die große Frage, ob die bisherigen Maßnahmen ausreichen, um langfristig eine nachhaltige Verkehrswende einzuleiten. Denn nur wenn das Angebot nicht nur günstig, sondern auch zuverlässig und flächendeckend verfügbar ist, lässt sich eine echte Verlagerung vom Auto auf Bus und Bahn erreichen.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob das Deutschlandticket seine Rolle als Motor der Verkehrswende behaupten kann. Klar ist: Die Preisgestaltung wird eine Schlüsselrolle spielen. Schon jetzt gibt es Befürchtungen, dass die nächste Erhöhung auf 63 Euro den positiven Effekt der vergangenen Jahre abschwächen könnte. Ebenso entscheidend wird die Qualität des Angebots sein – Verspätungen, Zugausfälle oder überfüllte Fahrzeuge könnten die Akzeptanz in der Bevölkerung mindern.