Das Zytomegalie-Virus (CMV) in der Schwangerschaft: Ein Interview mit Dr. Julia Jückstock

Das Zytomegalie-Virus (CMV) zählt zu den weltweit häufigsten Erregern angeborener Infektionen. Während die Infektion für gesunde Erwachsene meist harmlos verläuft und teilweise gar nicht bemerkt wird, kann sie in der Schwangerschaft gravierende Folgen haben. Trotz seiner Relevanz ist CMV in der breiten Öffentlichkeit vergleichsweise wenig bekannt. Im folgenden Gespräch gibt Dr. Julia Jückstock einen Überblick über die wichtigsten Aspekte: von den Übertragungswegen und den Risiken in der Schwangerschaft über die Möglichkeiten der Diagnostik bis hin zu Fragen der Prävention und aktuellen Forschungsansätzen.

CMV verstehen: Über den Hintergrund der Erkrankung und Übertragungswege

Interviewer: Frau Dr. Jückstock, beginnen wir mit den Grundlagen: Was genau ist das Zytomegalie-Virus und warum ist es besonders in der Schwangerschaft von Bedeutung?
Dr. Julia Jückstock: Das Zytomegalie-Virus, kurz CMV, gehört zur Familie der Herpesviren. Es verursacht weltweit die häufigste virusbedingte angeborene Infektion. Gerade in der Schwangerschaft ist es relevant, weil das Virus von der Mutter auf das ungeborene Kind übertragen werden kann. Während die Mutter meist gar keine oder nur sehr leichte Beschwerden verspürt, kann das Virus beim Kind erhebliche Schäden anrichten – von Entwicklungsstörungen bis hin zu schweren Behinderungen.

Interviewer: Das klingt ernst. Wie verbreitet ist das Virus eigentlich?

Dr. Julia Jückstock: In Deutschland haben etwa 40 bis 50 Prozent der Erwachsenen bereits eine Infektion durchgemacht und sind damit seropositiv. In vielen weniger entwickelten Ländern sind es sogar bis zu 80 Prozent. Bei Schwangeren in Deutschland tritt eine Neuinfektion in ungefähr 0,5 bis 2 Prozent der Fälle auf, weltweit liegt die Zahl bei etwa 2 Prozent. Die Unterschiede hängen stark davon ab, wie viele Frauen schon vor der Schwangerschaft Kontakt mit dem Virus hatten. In der Medizin sprechen wir dann von der Prävalenz.

Interviewer: Und wie kommt es typischerweise zu einer Ansteckung?
Dr. Julia Jückstock: CMV wird über verschiedene Körperflüssigkeiten übertragen – also über Speichel, Blut, Urin, beim Geschlechtsverkehr oder über Tränen. Besonders häufig infizieren sich Schwangere über den Kontakt mit kleinen Kindern, die das Virus oft ausscheiden, ohne selbst krank zu wirken.

Interviewer: Gibt es dabei bestimmte Gruppen, die besonders gefährdet sind?
Dr. Julia Jückstock: Ja, vor allem Schwangere, die bereits ein Kleinkind zu Hause haben, sowie Frauen, die beruflich mit Kindern arbeiten – etwa Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen oder Kinderkrankenschwestern. Grundsätzlich gilt: Wer regelmäßig engen Kontakt mit Kleinkindern hat, trägt ein höheres Risiko.

Wie wird CMV erkannt? Dr. Julia Jückstock gibt einen Einblick in Diagnoseverfahren und mögliche Folgen

Interviewer: Wenn das Virus so häufig unbemerkt bleibt – woran könnte eine Schwangere erkennen, dass sie sich infiziert hat?
Dr. Julia Jückstock: Leider merkt man eine Infektion in der Regel gar nicht. Falls Symptome auftreten, sind sie sehr unspezifisch, wie Halsschmerzen, Müdigkeit oder geschwollene Lymphknoten. Deshalb bleibt eine Infektion oft unentdeckt – bis im Ultraschall Auffälligkeiten beim Kind sichtbar werden.

Interviewer: Welche Untersuchungen können denn Klarheit bringen?
Dr. Julia Jückstock: Eine Blutuntersuchung zu Beginn der Schwangerschaft ist sinnvoll. Bei Seronegativität sollte die Untersuchung mehrmals wiederholt werden, um möglichst schnell erkennen zu können, wenn eine CMV-Infektion auftreten sollte. Allerdings werden die Kosten der Untersuchung nur dann von den Krankenkassen getragen, wenn bereits der Verdacht auf eine Infektion besteht. Nicht jede Infektion der Mutter wird auf das Kind übertragen, und selbst wenn das Virus im Fruchtwasser nachgewiesen wird, ist das Kind nicht immer beeinträchtigt. Ausschlaggebend dafür ist unter anderem die Schwangerschaftswoche und ob es sich um die erste CMV-Infektion der Mutter oder eine so genannte Reaktivierungs-Infektion handelt.

Hinweise auf eine Infektion des Kindes gibt der Ultraschall. Wenn der Verdacht auf ein erkranktes Kind besteht, ist zusätzlich eine Fruchtwasseruntersuchung, also eine Amniozentese, empfohlen, um die Infektion des Kindes auszuschließen bzw. nachzuweisen.

Interviewer: Und was bedeutet eine Infektion für das Kind konkret?
Dr. Julia Jückstock: Das ist sehr unterschiedlich und hängt vor allem davon ab, in welcher Schwangerschaftswoche sich die Mutter ansteckt. Manche Kinder bleiben völlig gesund, andere entwickeln schwerste Behinderungen. Auch Frühgeburten sind möglich.

Interviewer: Welche Auffälligkeiten lassen sich im Ultraschall oder nach der Geburt feststellen?
Dr. Julia Jückstock: Typische Befunde sind zum Beispiel eine auffallend kleine Kopfgröße, also eine Mikrozephalie, Wachstumsverzögerungen oder Veränderungen im Gehirn. Auch eine vermehrte Fruchtwassermenge oder Auffälligkeiten im Ultraschall an Leber oder Darm können Hinweise sein. Ein sicherer Nachweis der Infektion beim Kind gelingt jedoch oft erst nach der Geburt. Dann erfolgen verschiedene Untersuchungen wie Seh- und Hörtests, Blutuntersuchungen und eine Schädelsonographie. Bei bestätigter Infektion wird das Gehör regelmäßig bis zum sechsten Lebensjahr kontrolliert, da Hörschäden auch später noch auftreten können.

Dr. Julia Jückstock zeigt Strategien zur Vorbeugung und heutige Therapieansätze

Interviewer: Lassen Sie uns zum Schluss über die Vorbeugung sprechen: Was können Schwangere im Alltag tun, um sich zu schützen?
Dr. Julia Jückstock: Am wichtigsten ist eine konsequente Händehygiene – gerade nach dem Wickeln oder beim Kontakt mit Speichel und Spielzeug von Kleinkindern. Außerdem sollte man vermeiden, Schnuller, Besteck oder Spielzeug mit den Kindern zu teilen oder die Kinder auf den Mund zu küssen. Bei beruflich besonders gefährdeten Frauen, etwa Kindergärtnerinnen, kann sogar ein zeitweises Beschäftigungsverbot sinnvoll sein.

Interviewer: Und falls es doch zu einer Infektion kommt – gibt es wirksame Medikamente oder sogar eine Impfung?
Dr. Julia Jückstock: Antivirale Medikamente wie Aciclovir, Valaciclovir oder Ganciclovir sind grundsätzlich wirksam, sind jedoch in der Schwangerschaft nicht offiziell zugelassen. Aciclovir wird teilweise im sogenannten Off-Label-Use eingesetzt. Eine Impfung gegen CMV gibt es bislang nicht. Auch die Behandlung mit Immunglobulinen, die früher viel Hoffnung gemacht hat, konnte in neueren Studien keine ausreichende Wirksamkeit zeigen. Die Forschung arbeitet jedoch intensiv weiter – sowohl an antiviralen Therapien als auch an einer möglichen Impfung.

Die aktuelle Leitlinie kann online über das Portal der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) e.V. abgerufen werden.

Interviewer: Wir danken Ihnen für das Gespräch sowie Ihre Einschätzungen und Expertise, Frau Dr. Jückstock.

Über PD Dr. Julia Jückstock:

Privatdozentin Dr. med. Julia Jückstock ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe mit langjähriger Erfahrung in Klinik, Lehre und Forschung. Nach ihrer Ausbildung an der Ludwig-Maximilians-Universität München war sie viele Jahre an der dortigen Frauenklinik tätig, zuletzt als Oberärztin. Sie leitete die Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe an der RoMed Klinik Wasserburg am Inn und ist seit 2025 geschäftsführende Oberärztin am Klinikum Bayreuth. Zudem arbeitet sie in der Pränataldiagnostik und Humangenetik im Eurofins MVZ München.

Ihre klinischen Schwerpunkte liegen unter anderem in der Betreuung vaginaler Beckenendlagen-Geburten, der Infektiologie in Gynäkologie und Geburtshilfe sowie in der Diagnostik und Therapie von Vulvaerkrankungen. Zahlreiche Zusatzqualifikationen – etwa in der Pränatalmedizin, Ultraschalldiagnostik, Kolposkopie und genetischen Beratung – unterstreichen ihr breites fachliches Spektrum. Neben ihrer ärztlichen Tätigkeit engagiert sich Dr. Jückstock in der universitären Lehre und interdisziplinären Fort- und Weiterbildung.