CEO Jörg Stratmann: Stromversorgung wird zum Wachstumsmotor für Rolls-Royce Power Systems
Rolls-Royce Power Systems entwickelt sich zunehmend vom klassischen Motorenhersteller zum Anbieter komplexer Energielösungen. Während das Unternehmen lange vor allem für Antriebe in der Schifffahrt, Industrie und militärischen Anwendungen stand, stammt heute mehr als die Hälfte des Umsatzes der Division aus dem Geschäft mit Energieversorgung. Getrieben wird diese Entwicklung vor allem durch den wachsenden Strombedarf von Rechenzentren, steigende Anforderungen an die Versorgungssicherheit und den Ausbau dezentraler Energieversorgung.
Für CEO Jörg Stratmann spiegelt sich dieser Wandel inzwischen deutlich in den Geschäftszahlen wider. Nach seinen Angaben hat Rolls-Royce Power Systems den absoluten Profit verdreifacht und den Cashflow nahezu vervierfacht. Gleichzeitig habe sich die Stromversorgung zum wichtigsten Geschäftsfeld entwickelt. „Inzwischen erwirtschaften wir aber in der Division Power Systems mehr als die Hälfte des Umsatzes mit dem Bereich Energieversorgung.“
Im Mittelpunkt stehen dabei Notstromlösungen für kritische Infrastrukturen. Krankenhäuser, Flughäfen, Industrieanlagen und insbesondere Rechenzentren benötigen eine Stromversorgung, die auch bei Störungen zuverlässig funktioniert. Für viele Betreiber geht es längst nicht mehr nur darum, auf großflächige Stromausfälle vorbereitet zu sein.
Wenn Sekunden über Millionen entscheiden
Nach Einschätzung von CEO Jörg Stratmann greift die offizielle Bewertung der Netzqualität für viele Unternehmen zu kurz. Zwar gelte der SAIDI-Index international als anerkannter Maßstab für die Versorgungssicherheit, doch „es gibt allerdings eine wachsende Zahl von Unternehmen, bei denen das Problem früher beginnt“.
Gerade in hochautomatisierten Produktionsprozessen, der Halbleiterfertigung, der Chemieindustrie oder in Rechenzentren können bereits Stromunterbrechungen im Sekunden- oder Millisekundenbereich hohe wirtschaftliche Schäden verursachen. Aus Sicht von Jörg Stratmann bildet die Statistik deshalb nicht vollständig ab, welche Herausforderungen Unternehmen im Alltag tatsächlich bewältigen müssen.
Hinzu kommt eine gestiegene Sensibilität gegenüber möglichen Risiken für die Energieversorgung. Jörg Stratmann berichtet, dass Notstromanlagen in Deutschland zwar weiterhin überwiegend im Probebetrieb laufen, gleichzeitig aber zunehmend auch im Ernstfall benötigt werden. Die Einsätze dauerten meist nur wenige Stunden, könnten für Krankenhäuser, Produktionsbetriebe oder Rechenzentren jedoch entscheidend sein.
Rechenzentren treiben das Geschäft
Der stärkste Wachstumstreiber sind inzwischen Datencenter. Nach Angaben von CEO Jörg Stratmann entfallen mehr als 80 Prozent der Nachfrage nach Notstromlösungen auf diesen Bereich. Betreiber formulierten ihre Anforderungen mit dem Begriff „Five-Nine“, also einer Verfügbarkeit von 99,999 Prozent. Schon wenige Minuten ohne Strom könnten dazu führen, dass lang laufende Rechenprozesse beim Training von KI-Modellen vollständig neu gestartet werden müssen.
Gleichzeitig stoßen viele Betreiber beim Ausbau ihrer Infrastruktur auf ein anderes Problem. In zahlreichen Regionen müssen Großverbraucher inzwischen über Jahre auf einen Netzanschluss warten. Rolls-Royce Power Systems reagiert darauf mit modular aufgebauten Gasmotorenkraftwerken, die sich flexibel an den jeweiligen Leistungsbedarf anpassen lassen. Sobald ein Netzanschluss verfügbar ist, können die Anlagen weiterhin als Notstromversorgung genutzt werden.
Noch weiter geht das Unternehmen mit sogenannten Microgrids. Dabei werden Solaranlagen, Batteriespeicher und Blockheizkraftwerke zu eigenständigen Energiesystemen kombiniert. Nach Angaben von Jörg Stratmann unterstützt die Rolls-Royce Power Systems bereits erste Industriebetriebe in Deutschland dabei, sich vollständig unabhängig vom öffentlichen Stromnetz aufzustellen.
Die steigende Nachfrage schlägt sich auch in den Investitionen nieder. Am Standort Friedrichshafen entsteht ein neues Werk für die Motorenfertigung. Insgesamt investiert die Rolls-Royce Power Systems in den kommenden Jahren einen hohen dreistelligen Millionenbetrag in den Ausbau seiner Produktionskapazitäten. Weltweit sollen 1.000 neue Mitarbeiter eingestellt werden, davon 500 in Deutschland.
Mehr Resilienz für die Energieversorgung
Für CEO Jörg Stratmann reicht der Ausbau der Stromnetze allein nicht aus. Er spricht sich für einen umfassenden Resilienz-Check der deutschen Energieversorgung aus. Dieser solle nicht nur die Zuverlässigkeit der Netze bewerten, sondern auch untersuchen, ob ausreichend Backup-Lösungen vorhanden sind und welche zusätzlichen Notstromkapazitäten künftig erforderlich sein könnten.
Aus seiner Sicht gewinnt das Thema Versorgungssicherheit mit der fortschreitenden Digitalisierung weiter an Bedeutung. Kritische Infrastrukturen und energieintensive Industrien seien zunehmend auf redundante Stromversorgung angewiesen.
Kleine Kernreaktoren als langfristiger Wachstumsmarkt
Über das Geschäft mit Notstrom- und Energiesystemen hinaus setzt die Rolls-Royce Power Systems auf Small Modular Reactors (SMR). Die kleinen modularen Kernkraftwerke sollen durch standardisierte Bauweisen und einen hohen Vorfertigungsgrad wirtschaftlicher errichtet werden als klassische Großkraftwerke.
Jörg Stratmann sieht weltweit eine stark wachsende Nachfrage nach verlässlicher CO₂-armer Grundlastenergie. Treiber seien die fortschreitende Industrialisierung, Digitalisierung, KI-Rechenzentren und der steigende Bedarf an Versorgungssicherheit. Standardisierung und industrielle Fertigung könnten dazu beitragen, neue Kernkraftwerke schneller und planbarer zu realisieren.
Die Rolls-Royce verfolgt dieses Konzept bereits in mehreren europäischen Märkten. In Großbritannien wurden die SMR-Lösungen des Unternehmens von Great British Energy Nuclear ausgewählt. Darüber hinaus bestehen Vereinbarungen mit Energieunternehmen in Tschechien und Schweden.
Auch die langfristigen Marktchancen bewertet Jörg Stratmann optimistisch. „Die ersten Anlagen sollen Anfang der 2030er Jahre in Betrieb gehen. Bis 2050 könnte der weltweite SMR-Markt ein Volumen von rund einer Billion US-Dollar erreichen und mehrere Hundert Reaktoren umfassen.“
Der von Rolls-Royce entwickelte Reaktor ist auf eine elektrische Leistung von 470 Megawatt ausgelegt. Entscheidend sei dabei jedoch weniger die Größe als vielmehr das industrielle Fertigungskonzept. Ziel ist es, Kernkraftwerke mit standardisierten Komponenten in Serie zu produzieren und damit Kostenrisiken zu reduzieren sowie Genehmigungs- und Bauprozesse effizienter zu gestalten.
Mit dem Ausbau seines Energiegeschäfts positioniert sich die Rolls-Royce Power Systems in einem Markt, dessen Bedeutung durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und steigende Anforderungen an die Versorgungssicherheit weiter wächst. Für CEO Jörg Stratmann ist klar, dass sich die Rolle des Unternehmens dabei längst über die eines klassischen Motorenherstellers hinaus entwickelt hat.