Börse: Diese zwei Dax-Aktien stehen vor der Trendwende

Wer an den deutschen Aktienmärkten auf Schnäppchen wartet, braucht starke Nerven – und die Fähigkeit, zwischen echten Trendwenden und bloßen Gegenbewegungen zu unterscheiden. Genau diese Unterscheidung ist gerade bei zwei viel beachteten DAX-Schwergewichten relevant: Bayer und Volkswagen. Beide Titel haben in den vergangenen Jahren erheblich an Wert verloren, beide zeigen nun Signale, die Analysten und erfahrene Marktteilnehmer aufhorchen lassen.

Zwei Verlierer mit Geschichte

Bayer und Volkswagen verbindet mehr als ihre Zugehörigkeit zum deutschen Leitindex. Beide Unternehmen stehen sinnbildlich für die strukturellen Probleme großer, über Jahrzehnte gewachsener Industriekonzerne: regulatorischer Druck, hohe Schulden, strategische Fehlentscheidungen – und eine Öffentlichkeit, die wenig Geduld mit Managementversprechen zeigt. Bayer kämpft seit der Monsanto-Übernahme 2018 mit Glyphosat-Klagen, Milliarden-Abschreibungen und einem Aktienkurs, der zeitweise auf ein 20-Jahres-Tief gefallen ist. Volkswagen wiederum steckt mitten im schmerzhaftesten Umbau seiner Unternehmensgeschichte: Werksschließungen in Deutschland, Stellenabbau in fünfstelliger Höhe, und ein Elektroauto-Geschäft, das die Erwartungen bislang nicht erfüllt hat.

Wer diese Papiere hält, hat Geduld bewiesen – oder Verluste eingefahren. Genau deshalb ist die aktuelle Konstellation bemerkenswert.

Was die Technik sagt

Trendwenden lassen sich selten am Tiefpunkt erkennen. Sie werden rückblickend bestätigt – aber es gibt Indikatoren, die frühzeitig auf eine Stimmungsveränderung hinweisen können. Bei Bayer zeigt der Relative-Stärke-Index (RSI) nach einer langen Phase extremer Überverkauftheit eine Normalisierung. Das bedeutet: Der Verkaufsdruck lässt nach, ohne dass die Käufer bislang entschlossen übernommen hätten. Typisches Bodenbildungsmuster. Gleichzeitig hat die Aktie mehrfach eine technische Unterstützungszone verteidigt – ein Niveau, das charttechnisch als signifikant gilt, weil es in der Vergangenheit mehrfach als Wendemarke gedient hat.

Bei Volkswagen ist das Bild ähnlich, aber mit anderen Nuancen. Die Vorzugsaktie notiert auf Kurs-Buchwert-Verhältnissen, die historisch als Einstiegssignal für geduldige Investoren gegolten haben. Das allein macht eine Aktie nicht kaufenswert – unterbewertete Aktien können lange unterbewertete Aktien bleiben. Aber in Kombination mit dem Volumenanstieg der vergangenen Wochen, der auf zunehmendes institutionelles Interesse hindeutet, entsteht ein Bild, das zumindest eine genauere Betrachtung rechtfertigt.

Bayer: Wenn Klagen zur kalkulierbaren Größe werden

Der wichtigste Hebel für eine nachhaltige Erholung der Bayer-Aktie liegt nicht in der Landwirtschaftssparte oder der Pharmapipeline – er liegt in den Gerichtssälen der USA. Solange die Glyphosat-Haftung unkalkulierbar wirkt, wird kein institutioneller Investor wirklich in den Titel einsteigen wollen. Die Fantasie der vergangenen Quartale besteht darin, dass sich dieser Risikohorizont zunehmend verengt. Vergleichsverhandlungen, Fondsrückstellungen und Gerichtsurteile haben das Thema von einem offenen Abgrund zu einer – wenn auch noch unkomfortablen – messbaren Belastung gemacht.

Hinzu kommt: Bayers Pharmageschäft ist alles andere als abgeschrieben. Asundexian, der Nachfolger von Xarelto, steht vor wichtigen klinischen Entscheidungen. Die Nutztiersparte bleibt profitabel. Und das Unternehmen hat begonnen, ernsthaft über Portfoliobereinigungen nachzudenken – etwas, das Analysten seit Jahren gefordert haben. CEO Bill Anderson hat nach seiner Amtsübernahme die Kommunikationskultur des Konzerns spürbar verändert: weniger Versprechen, mehr operative Klarheit. Das ist kein Befreiungsschlag, aber es ist ein anderes Signal als noch vor zwei Jahren.

Volkswagen: Restrukturierung als Risiko und Chance zugleich

Volkswagen ist schwieriger einzuordnen. Der Konzern steht vor einer Restrukturierung, deren Ausgang offen ist. Werkschließungen in Deutschland sind politisch heiß umkämpft, der Widerstand der Gewerkschaften ist real – und das Management steht unter Druck, gleichzeitig zu sparen und in Elektromobilität zu investieren. Wer auf eine schnelle Erholung hofft, unterschätzt die Komplexität dieses Umbaus.

Und doch: Die Bewertung ist ein Argument, das sich nicht wegdiskutieren lässt. Volkswagen handelt mit einem Abschlag auf den inneren Wert, der in normalen Zeiten institutionelle Käufer anlocken würde. Die Frage ist, ob diese Zeiten normal sind – oder ob strukturelle Risiken die Unterbewertung rechtfertigen. Value-Investoren, die auf einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren denken, haben diesen Trade in der Vergangenheit oft gewonnen. Kurzfristig orientierte Anleger werden wenig Freude an diesem Titel haben.

Bemerkenswert ist, dass einige aktivistische Investoren bereits Positionen aufgebaut haben. Das ist kein Kaufsignal per se, aber es zeigt, dass smarte Kapitalmarktteilnehmer das Potenzial einer Trendwende für real halten – wenn das Management die richtigen Entscheidungen trifft.

Was institutionelle Investoren anders machen

Professionelle Marktteilnehmer urteilen bei Trendwenden nach anderen Kriterien als Privatanleger. Sie schauen nicht nur auf den Kurs, sondern auf die Veränderung der fundamentalen Wahrnehmung: Ändert sich die Analystenbeurteilung? Steigen Short-Seller aus? Bauen Indexfonds übergewichtige Positionen ab oder auf? Bei beiden Titeln gibt es Hinweise, dass der breite Pessimismus, der die Kurse gedrückt hat, allmählich einer differenzierteren Einschätzung weicht. Das ist kein Enthusiasmus – aber Pessimismus, der weniger wird, reicht an der Börse oft aus, um eine Gegenbewegung auszulösen.

Für private Investoren gilt: Diese Titel sind keine risikolosen Einstiegsgelegenheiten. Beide Unternehmen stehen vor echten strategischen Herausforderungen, die auch in einer Trendumkehr nicht verschwinden. Wer einsteigt, sollte einen langen Atem mitbringen und das Risiko über die Positionsgröße steuern – nicht über den Optimismus.

Trendwende ist kein Versprechen, sondern ein Signal

Was die Daten zeigen, ist kein Kaufauftrag – es ist eine Hypothese. Beide Aktien senden technische und fundamentale Signale, die auf eine Bodenbildung hindeuten könnten. Ob daraus eine nachhaltige Erholung wird, hängt von Faktoren ab, die noch nicht entschieden sind: Gerichtsurteile in den USA, Tarifverhandlungen in Wolfsburg, Zinsentscheidungen der EZB, globale Konjunkturdaten. Märkte vergeben Vertrauen nicht auf Vorrat. Aber sie vergeben es – manchmal früher als erwartet, oft bevor die Nachrichten gut geworden sind. Wer in solchen Phasen die Ruhe behält und die Signale nüchtern bewertet, hat an der Börse strukturell einen Vorteil gegenüber denen, die auf Bestätigung warten.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet eine Trendwende bei einer DAX-Aktie für Anleger?
Eine Trendwende signalisiert, dass eine Aktie nach einer längeren Verlustphase beginnt, wieder nach oben zu drehen. Für Anleger bedeutet das eine potenzielle Einstiegsgelegenheit – allerdings mit Risiko, da sich Trendwenden erst im Nachhinein bestätigen lassen. Technische Indikatoren wie der RSI, Handelsvolumen und charttechnische Unterstützungszonen können Hinweise geben, ersetzen aber keine fundierte Gesamtanalyse.

Warum sind Bayer und Volkswagen besonders im Fokus?
Beide Unternehmen haben in den vergangenen Jahren stark an Börsenwert verloren und gelten als tiefgreifend unter Druck stehend – Bayer durch Milliardenklagen rund um Glyphosat, Volkswagen durch den strukturellen Umbau in Richtung Elektromobilität und eine kostspielige Restrukturierung. Eben weil der Kursverfall so stark war, rücken erste Stabilisierungssignale stärker ins Interesse von Investoren, die auf eine Erholung setzen.

Wie unterscheiden sich institutionelle und private Investoren beim Umgang mit möglichen Trendwenden?
Institutionelle Investoren analysieren neben dem Kursverlauf auch Veränderungen in der Analystenmeinung, Short-Interest-Daten und Positionsveränderungen großer Fonds. Sie handeln meist mit längeren Zeithorizonten und steuern ihr Risiko über Positionsgrößen. Private Anleger neigen dazu, auf Bestätigung durch gute Nachrichten zu warten – was bedeutet, dass sie Trendwenden oft erst dann kaufen, wenn das günstigste Einstiegsfenster bereits geschlossen ist.