Amazon rüstet sich für die Spitzenmonate

Der Beginn der Hochsaison im Onlinehandel zwingt große Logistiker alljährlich zu massiven Personalaufstockungen – doch kaum ein Unternehmen fährt den Einsatz so weit hoch wie Amazon. Für das Weihnachtsgeschäft und die Rabattwochen im Spätherbst hat der Konzern in Deutschland rund 12.000 zusätzliche Beschäftigte verpflichtet. Damit fällt die Verstärkung deutlich größer aus als im Vorjahr, als etwa 3.000 Saisonkräfte weniger im Einsatz waren. Die außergewöhnliche Nachfrage rund um Black Friday, Cyber Monday und die letzten Wochen des Jahres gilt seit Jahren als wichtigste Belastungsprobe für die gesamte Branche.

Die temporär Beschäftigten sind vor allem in den Verteil-, Sortier- und Logistikzentren tätig, wo Warenströme sortiert, Artikel eingelagert und Pakete ausgeliefert werden. Sie ersetzen keine Zusteller – denn diese arbeiten bei Amazon größtenteils über Subunternehmen. Dennoch spielt Amazon mit seinem eigenen Zustelldienst, der seit nunmehr zehn Jahren aktiv ist, eine relevante Rolle auf dem deutschen Paketmarkt: Zwischen 15 und 25 Prozent aller Lieferungen stammen inzwischen aus Amazons eigener Distribution. Damit liegt das Unternehmen hinter DHL, aber deutlich vor anderen Paketdiensten.

Parallel dazu wächst die Infrastruktur des Konzerns kontinuierlich. Neu eröffnete Standorte wie in Lahntal, Viernheim, Erfurt oder Horn-Bad Meinberg führen dazu, dass in diesem Jahr mehr Personal nötig ist als je zuvor. Für die kommenden Jahre plant Amazon zusätzliche Niederlassungen, die jeweils mehrere Hundert bis zu 1.000 Arbeitsplätze schaffen sollen.

Arbeitsbedingungen und Einsatzmodelle in der Peak Season

Die meisten Saisonkräfte starten im Oktober, manche erst im November – alle jedoch mit Verträgen, die zum Jahresende auslaufen. Im Vergleich zu anderen Logistikern sind diese Befristungen kürzer. DHL etwa verlängert die Verträge von rund 10.000 zusätzlichen Aushilfskräften teilweise bis Januar, da das Retourengeschäft nach Weihnachten dort noch einmal stark anzieht. Bei Amazon hingegen spielt die Rücksendelogistik innerhalb Deutschlands eine eher geringe Rolle. Lediglich bestimmte Modeartikel werden in Bad Hersfeld bearbeitet; der Großteil der Retouren wird in ausländischen Zentren verarbeitet, insbesondere in Bratislava.

Die neu eingestellten Mitarbeiter erhalten eine interne Einarbeitung und arbeiten eng mit bestehenden Teams zusammen. Ein großer Teil der temporären Beschäftigten kehrt über die Jahre immer wieder in der Wintersaison zurück – sei es, weil ihre regulären Tätigkeiten saisonal ruhen oder weil die befristete Festanstellung eine sinnvolle Ergänzung darstellt. Der Verdienst beginnt bei mindestens 15,65 Euro pro Stunde, vielerorts liegt der Einstiegslohn darüber. Hinzu kommen Zuschläge für Nacht- und Wochenendarbeit, sowie Vergünstigungen beim Einkauf und Essenszuschüsse.

Vorbereitung beginnt Monate vor dem ersten Paketansturm

Obwohl die meisten Verbraucher erst im November und Dezember verstärkt bestellen, beginnt die Vorbereitung für die Peak Season schon mitten im Sommer. Ab Juli werden große Warentransporte in die Lager eingesteuert, damit bis Mitte November eine ausreichende Menge an Produkten verfügbar ist. Erst danach konzentriert sich die gesamte Logistikkette auf möglichst schnelle Auslieferung. In über 30 Städten können Kunden inzwischen Same-Day-Lieferungen nutzen, was zusätzliche organisatorische Komplexität mit sich bringt.

Während traditionell Elektronik, Spielwaren und Haushaltsprodukte im Fokus des Weihnachtsgeschäfts stehen, hat sich die Nachfrage in den vergangenen Jahren breiter entwickelt: Immer stärker verkaufen sich Alltagsartikel, die im Rahmen der Rabattaktionen massiv nachgefragt werden.

Dominante Marktposition mit Verantwortung

Im Onlinehandel hält Amazon laut Bundeskartellamt über 60 Prozent Marktanteil und konkurriert dabei weiterhin mit etablierten Händlern wie Otto. Gleichzeitig hat sich das Unternehmen innerhalb von zehn Jahren im Paketmarkt zum zweitgrößten Zusteller hinter DHL entwickelt. Rund 40.000 Menschen arbeiten dauerhaft für Amazon in Deutschland, zusätzlich zu den 12.000 Saisonkräften in der Hochphase. Weltweit hatte das Unternehmen zuletzt durch den Abbau von rund 14.000 Büroarbeitsplätzen für Aufmerksamkeit gesorgt – eine Maßnahme, die jedoch die operative Logistik in Deutschland nicht unmittelbar betrifft.

Beitrag kleiner Händler zum Gesamtvolumen

Ein beträchtlicher Teil der über Amazon abgesetzten Waren stammt mittlerweile von unabhängigen kleinen und mittleren Unternehmen. Mehr als 60 Prozent der verkauften Produkte kommt von diesen Partnern, die häufig das Fulfillment-Programm nutzen, bei dem Amazon Lagerung, Verpackung und Versand übernimmt. In Deutschland arbeiten etwa 170.000 Menschen mittelbar für diese Händler, die über den Marktplatz verkaufen. Im internationalen Geschäft erwirtschafteten deutsche KMU zuletzt Auslandsumsätze von rund 5,7 Milliarden Euro – ein Indikator dafür, dass Amazon nicht nur seine eigene Logistik stärkt, sondern auch als Exportplattform für andere Unternehmen fungiert.

Die Vorweihnachtszeit stellt für Amazon und die gesamte parcel logistics einen gigantischen Organisationsaufwand dar. Trotz Automatisierung, digitalisierter Prozesse und rasanter Skalierung bleibt der menschliche Faktor entscheidend für die sichere und schnelle Abwicklung millionenfacher Bestellungen. Mit zusätzlichen Standorten, mehr Personal und einem stetig wachsenden Partnernetzwerk bereitet sich Amazon auf eine Nachfrage vor, die Jahr für Jahr neue Rekorde erreicht und das Unternehmen zwingt, seine logistische Leistungsfähigkeit kontinuierlich auszubauen.

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